Islam
Es ist bemerkenswert, dass das Interesse an der Lebensgeschichte des Propheten Muhammad (saw) auch in unserer an Religion scheinbar uninteressierten Gesellschaft nicht nachgelassen hat. Davon zeugen nicht zuletzt die in jüngster Zeit veröffentlichten Prophetenvitae, die vor allem davon ausgehen, dass eine neue Quellenkritik betrieben werden muss.
Interesse an der Lebensgeschichte des Propheten
In der Vergangenheit scheint sich das Bild des Propheten im Abendland gemäß dem Geist der Zeit von einem Extrem ins andere gewandelt zu haben. Zu Beginn des Mittelalters galt Muhammad als „Gott der Heiden“, „Lügenprophet“, „Verführer“ oder „Betrüger“ und wurde in den innerchristlichen Streitigkeiten des 16. und 17. Jahrhunderts zum „Antichristen“. Im Zeitalter der Aufklärung wurde Muhammad dann zum „Helden“ und später zum „Genie“, der eine vernunftgemäße und einfache Religion begründete. Seit dem Schauspiel Voltaires mit dem Titel „Der Fanatismus, oder Mohammed, der Prophet“ wird mit dem Propheten des Islams zumeist Fanatismus assoziiert.
Die heutige Muhammad-Forschung interessiert sich jedoch nicht in erster Linie für die Persönlichkeit des Propheten, sondern vielmehr für die Quellen, aus denen man Wissen über den Propheten schöpfen kann. Die grundlegende Frage dabei lautet: „Was können wir wissen?“ Mit dieser Frage beginnt beispielsweise Marco Schöller, Professor für Islamwissenschaften an der Westfälischen Wilhelm-Universität in Münster, seine kurze Darstellung von Leben, Werk und Wirkung Muhammads. Dem Verfasser einer Biographie bleibt laut Schöller „kaum anderes übrig, als trotz aller Skepsis und im Wissen um die mögliche Unzuverlässigkeit des verfügbaren Quellenmaterials dieses der Darstellung doch weiterhin zugrunde zu legen.“ Für Tilman Nagel, emeritierter Professor für Arabistik und Islamwissenschaft und Verfasser einer umfassenden Prophetenbiographie, ist der Islam „diejenige unter den Weltreligionen, […] die im hellen Lichte der dokumentierten Geschichte entstand“ und unternimmt in seinem Buch, „dieser Feststellung eine Grundlage zu geben“.
Die Prophetenbiographie von Hans Jansen
Eine weitere Biographie des Propheten stammt von Hans Jansen, einem niederländischen Arabisten und Islamwissenschaftler, der das genaue Gegenteil behauptet, nämlich dass die große Mehrheit der Berichte über die Frühzeit des Islams zumindest infrage gestellt werden müssen. Er meint, Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten der zumeist aus muslimischer Quelle stammenden Berichte aufzeigen und daraus die Infragestellung des historischen Muhammads ableiten zu können. Jansen stützt sich dabei weitestgehend – ohne explizit darauf zu verweisen – auf den von Karl-Heinz Ohlig, Religionswissenschaftler an der Universität Saarbrücken, forcierten so genannten radikal historisch-kritischen (revisionistischen) Ansatz, der nichts gelten lassen möchte, was nicht schwarz auf weiß geschrieben steht und am besten nicht von Muslimen stammt.
Hans Jansen wirft dem ältesten Biographen Muhammads, Ibni Ishâk, vor, unangenehme Berichte aus Furcht vor Muslimen, „von denen ein Teil es als heilige Pflicht ansieht, jede vermeintliche Kränkung des Propheten zu rächen“ (S. 23) weggelassen zu haben. Trotzdem erscheint es auch ihm sinnvoll, sich an dieser zu orientieren, mit dem Vorbehalt, auch negative Aussagen zur Sprache zu bringen. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die moderne Islamwissenschaft, die Ibni Ishâk ohne größere Bedenken rezipiere.
Schon an dieser Stelle wird deutlich, welches Bild Jansen von Muslimen im Besonderen und religiösen Menschen im Allgemeinen hat. In seinem Buch kommt immer wieder die vermeintliche Differenz zwischen den „religiösen“, „gläubigen“ und „frommen“ Menschen, die ohne groß darüber nachzudenken, die „Predigten in Geschichtsform“ (S. 13) als historische Tatsache nehmen würden und den „modernen“, „areligiösen“, „skeptischen“, „westlichen“, „kritischen“ Wissenschaftlern zum Ausdruck. „Religion ist“, wie er im Rahmen seiner Ausführungen zur Konversionsforschung schreibt, „fast so etwas wie Weinen oder Lachen. Wenn gute Menschen lachen oder weinen, weinen oder lachen wir erst einmal mit. Was die genaue Ursache dafür ist hören wir erst später.“ (S. 105)
Jansens Blickwinkel
Auch an einem Zitat zum Prophetenbild kann man Jansens Blickwinkel erkennen: „Wegen ihres Auftrags, der nicht von dieser Welt ist, besitzen Propheten Prestige und Macht in der Welt. In den Augen ihrer Feinde können sie einem jeden willkürlich ihren Willen aufzwingen, ohne dass es dafür einen vernünftigen Grund gäbe, außer der von ihnen selbst geäußerten nicht überprüfbaren Behauptung über sich und ihren von Gott erteilten Auftrag.“ (S. 62)
Gleich zu Beginn seines aus dem Niederländischen übersetzten Buches legt Hans Jansen dar, dass Berichte über Jesus oder Muhammad für ihn nichts weiter als „Predigten in Form von Erzählungen“ (S. 12) sind und überlegt, ob es ein Christentum bzw. einen Islam ohne Propheten geben kann. Ohne Differenzierung versucht er die in der christlichen Theologie weitestgehend akzeptierte Unterscheidung zwischen Geschichte und Heilsgeschichte auf den Islam zu übertragen. Dabei stützt er sich auf das Argument, dass keine nichtmuslimischen Quellen vom frühen Islam existieren, relativiert seine Aussage aber, wenn er schreibt, „Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Schweigen der nichtislamischen Quellen jedoch kein starkes Argument.“ (S. 18)
Mit dieser vermeintlich wissenschaftlichen Skepsis, die weitergedacht bedeutet, den sich in Jahrhunderten entwickelten islamischen Wissenschaftszweigen die Wissenschaftlichkeit abzusprechen, arbeitet sich der Autor Kapitel für Kapitel durch die Lebensgeschichte des Propheten.
Muhammads Geburtsjahr könne nicht genau bestimmt werden, müsse aber zwischen 552 und 590 n. Chr. liegen (S. 28f.), der überlieferte Name seines Vaters und seiner Mutter seien wenig wahrscheinlich (S. 35f.), seine Ehefrau Chadîdscha könne bei der Heirat kaum 40 Jahre alt gewesen sein (S. 54f.), und auch dass er in genau diesem Alter in der Höhle Hira in der „Nacht der Bestimmung“ die erste Offenbarung erhalten hat, sei sehr unwahrscheinlich (S. 68f.).
Nun könnte man, im Rahmen einer halbwegs sachlichen Diskussion, Hans Jansens Buch als sehr kritische Betrachtung der Quellenlage ansehen, auch wenn sich dieser vorbehält, muslimische Überlieferungen einerseits generell infrage zu stellen und dann aber doch gegeneinander auszuspielen. Auch wenn Hans Jansen außer Acht zu lassen scheint, dass die Ansichten, die er kritisiert, in jahrhundertelangen Diskussionen bestimmt wurden, und, solange sie nicht zu den Glaubensinhalten (Akîda) gehören, prinzipiell hinterfragt und berichtigt werden können, ist eine Diskussion möglich.
Denn viele der Punkte, die er ausgehend von den Quellen für erfunden ansieht, wurden und werden auch von muslimischen Gelehrten diskutiert. Beispielsweise schreibt, um nur ein Beispiel zu nennen, Muhammad Hamidullah in seinem Standardwerk „Der Islam – Geschichte, Religion, Kultur“ nur nebenbei: „Es wird überliefert, dass sie (Chadîdscha) 28 oder 40 Jahre alt war. Aus biologischen Gründen ist aber die erste Überlieferung vorzuziehen, da sie noch 7 Kinder gebar.“
Bei der Lektüre wird man jedoch nicht den Eindruck los, dem Autor gehe es gar nicht um eine Diskussion. Vielmehr fallen, neben den diskussionsbedürftigen Ansätzen, auf die weiter oben hingewiesen wurde, unsachliche, spekulative und polemische Aussagen ins Auge.
So heißt es im Zusammenhang mit Filmausschnitten, die illustrieren sollen, wie vorislamische Araber zur Zeit der Dschâhilijja aus Scham ihre neugeborenen Mädchen begraben haben: „Ein Mädchen, das diese Bilder oft genug sieht, wird froh sein, auf der guten Seite geboren zu sein, und trotz Klitorisbeschneidung, Kopftuch und Jungfräulichkeitskult erleichtert aufatmen, daß seine Eltern muslimisch sind und sie nicht bei lebendigem Leib werden begraben wollen.“ (S. 81)
Gestützt auf das Werk „Die Syro-Aramäische Leseart des Koran“ von Christoph Luxenberg, in welcher der Versuch unternommen wird, den Inhalt und die Sprache des Korans vor dem Hintergrund außerarabischer Einflüsse zu erklären, spekuliert Hans Jansen, ob es sich bei der Sure Kadr, die von der Nacht der ersten Offenbarung spricht, nicht um die Darstellung des Weihnachtsfestes handeln könnte. „Die theologische Bedeutungslosigkeit von Jesus im System des Islam könnte dann dazu geführt haben, daß Muslime Sure 97 im Laufe der Zeit nicht mehr auf die Geburt Jesu bezogen haben, sondern auf die Offenbarung des Koran.“ (S. 193) Abgesehen davon, dass dieses Werk vonseiten der von Jansen angegriffenen zeitgenössischen Islamwissenschaft auf große Kritik stößt, wird nicht deutlich, wozu diese Spekulation dienen soll, wenn Jansen diese Ansicht aber schon zu Anfang relativiert („Das ist möglich, aber nicht sicher.“, S. 191).
Die Bedeutung der Lebensgeschichte Muhammads beruht auf der Bedeutung des Gesandten Gottes für den Islam. Aus etwaigen Unstimmigkeiten der Biographien des Gesandten Gottes zu folgern, die Berichte oder sogar der Prophet seien erfunden, ist vor allem wissenschaftlich unseriös.
Quellen:
- Hans Jansen, Mohammed. Eine Biografie, Verlag C. H. Beck, 2008
- Marco Schöller, Mohammed, Suhrkamp Verlag, 2008
- Hartmut Bobzin, Mohammed, Verlag C. H. Beck, 2000
- Tilman Nagel, Mohammed - Leben und Legende, Oldenbourg Verlag, 2008
Am 3. Oktober 2011 findet der bundesweite "Tag der offenen Moschee" statt. Unsere Sonderseiten zum...
Publikationen
Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur".
Ausgesuchtes
Donnerstag 14. Mai 2009
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