Islam
Montag 28. Dezember 2009

Islam
Das Europäische Halal-Zertifizierungsinstitut

Muslime, die Wert auf Halâlprodukte legen, möchten, dass ihre Wünsche in der Lebensmittelbranche Beachtung finden. Die meisten von ihnen tragen stets eine Liste mit Zusatzstoffen und E-Nummer bei sich. Doch es gibt keine festen Regelungen im Bereich Halâl-Food. Das Europäische Halal-Zertifizierungsinstitut (EHZ) ist auf dem Weg zur Institutionalisierung, um diesem Chaos entgegen zu wirken. Wir hatten die Gelegenheit mit einem der Gründer des Instituts, Ahmet Yazici, und dem Institutsleiter Yusuf Çalkara ein Gespräch über das Institut und die Halâl-Food-Branche zu führen.

 

Igmg.de: Bevor wir uns den anderen Themen widmen, würde ich zunächst gerne erfahren, wie das EHZ gegründet wurde?

 

Ahmet Yazici: Unsere Gemeinde in Hamburg ist sei 1977 im Handel tätig. Die Produkte, die wir in unserem Laden im Moscheegebäude anboten, mussten halâl sein. Folglich war das Thema Halâl-Food damals schon relevant für uns. Als wir 1999 die Räumlichkeiten neben der Moschee erwarben, vergrößerte sich unser Geschäft. Da sich auch unser Produktangebot vergrößerte, nahmen unsere Halâl-Kontrollen zu. Zuvor hatten wir uns mit einem Metzger geeinigt und darüber hinaus einige Herstellerfirmen nach Halâl-Kriterien überprüft. Mit dem großen Geschäft änderte sich diese Situation. Es gab einen Bedarf die Angelegenheit professioneller anzugehen. So bestimmten wir einen Zuständigen, der sich um diesen Bereich kümmerte. Mit den Feststellungen dieses Angestellten entstand ein Mechanismus. Bevor ein Produkt bei uns angeboten wurde, kontrollierten wir zunächst die Herstellung und überprüften, ob die Herstellung den islamischen Anforderungen entsprach. Wenn dies nicht der Fall war, so nahmen wir das Produkt nicht in unser Sortiment auf. Auch die anderen Gemeinden begannen mit der Zeit die Produkte aus unserem Sortiment, die wir für halâl betrachteten, zum Kauf anzubieten. So entstand in unserer Region ein Markt, in dem die Halâl-Kriterien angewendet wurden. Auf der anderen Seite kamen andere Firmen mit dem Wunsch zu uns, ihre Produkte nach Halâl-Kriterien untersuchen zu lassen. Nach diesen Entwicklungen nahmen wir uns vor, die Halâl-Überprüfung zu einem höheren Level zu tragen, von dem alle profitieren konnten.

 

Zu dem Zeitpunkt gab es eine Halâl-Kommission, die in Zusammenarbeit des Islamrates und des Zentralrates gegründet wurde. Nach Überlegungen mit der IGMG-Zentrale wurde mir dieser Zuständigkeitsbereich gegeben. Es überwog die Auffassung, dass Handel und die Halâl-Kontrolle nicht gleichzeitig zu bewerkstelligen ist. So entstand das Europäische Halal-Zertifizierungsinstitut. Wir stellten einen Halâl-Kriterienkatalog zusammen und gründeten einen Gelehrtenrat. Somit gab es eine Anlaufstelle für Fragen in Zweifelsfällen. Ramazan Uçar, Cemal Bolat, Mehmet Enes Nas und Yusuf Doğan gehören diesem Gelehrtenrat an. Ich bin ebenfalls Mitglied in diesem Rat und bin zuständig für den Bereich Handel und Marketing. Yusuf Çalkara ist für die Halâl-Überwachung zuständig. Er sucht die Herstellerfirmen auf und kontrolliert vor Ort, ob diese die Halâl-Kriterien einhalten. Dann legt er dem Rat einen Bericht vor. Bei der Zusammenstellung des Katalogs holten wir die Meinung von Experten und Instituten ein. Umstrittene Fragen lösten wir mit Experten und Gelehrten aus der Türkei.

 

 

Igmg.de: Was ist der rechtliche Rahmen im Halâl-Food-Bereich?

 

Ahmet Yazici: Zunächst sei hier zu erwähnen, dass das Halâl-Siegel rechtlich nicht geschützt ist. Das heißt, jeder Muslim oder Nichtmuslim kann seine Produkte mit dem Siegel versehen. Einige Hersteller missbrauchen diese Situation. Selbst Produkte mit Zusatzstoffen vom Schwein werden mit dem Halâl-Siegel versehen. Schlachthöfe legen den Halâl-Begriff nach ihren Vorstellungen aus. Jeder arbeitet nach seinen eigenen Halâl-Kriterien. Manche nehmen es mit den Kriterien sehr genau, andere wiederum nutzen das Halâl-Siegel für Werbezwecke. Kurzum, im Halâl-Food Bereich gibt es keine festgelegten Standards. Das liegt hauptsächlich daran, dass das Halâl-Siegel rechtlich nicht geschützt ist.

 

Igmg.de: Gibt es ihrerseits Bemühungen dieses Problem zu beheben?

 

Ahmet Yazici: Um einen Halâl-Standard festzulegen, haben wir beim Deutschen Institut für Güteversicherung und Kennzeichnung einen Antrag eingereicht. Das Institut stellte uns die Bedingung, gemeinsame Kriterien auszumachen, die den Ansichten der religiösen Gemeinden nicht widersprechen. Daraufhin reichten wir mit den größten islamischen Gemeinden in Deutschland eine schriftliche Mitteilung ein, dass wir dasselbe Verständnis von Halâl haben. Das Institut beschäftigte sich 1,5 Jahre mit unserem Anliegen und reagierte schließlich positiv auf unsere Anfrage. Damit sind wir unserem Ziel, in Deutschland eine Halâl-Siegel-Zertifizierung zu erreichen, einen bedeutenden Schritt näher gekommen. Fortan müssen die Halâl-Kriterien erfüllt werden, damit ein Produkt mit dem Siegel versehen werden kann. Wenn dies nicht geschieht, macht sich die Herstellerfirma strafbar. Das Halâl-Siegel wird in Zukunft nicht ohne weiteres verwendet werden können.

 

Igmg.de: Was kann der Verbraucher zu diesem Prozess beitragen?

 

Ahmet Yazici: Der Verbraucher spielt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle. Bisher wurden die Wünsche der Verbraucher missbraucht. In den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf Halâl-Produkte geändert. Dass nicht alles, wo Halâl drauf steht auch halâl ist, ist den meisten bekannt. Die Zahl der Menschen, die Wert auf Halâl-Food legen und aus eigenem Antrieb mit Herstellerfirmen in Kontakt treten, um herauszufinden, ob diese die Halâl-Kriterien beachten, steigt. Diese Entwicklung führte zu einer Erstarkung der Halâl-Food Branche. Sofern die Verbraucher ihre Sensibilität in dieser Richtung zeigen, wird sich das positiv auf den Halâl-Markt auswirken.

 

Igmg.de: Was kann der Verbraucher tun, damit seine Wünsche Beachtung finden?

 

Ahmet Yazici: Kontakt mit den Firmen aufzunehmen und Nachforschungen zu betreiben ist zum Beispiel eine wichtige Methode.  Auf diese Weise merken die Firmen, dass sie das Siegel nicht ohne weiteres benutzen können. Denn die Verbraucher fragen genauer nach, ob die Kriterien eingehalten werden. Je mehr Firmen es gibt, die diese Kriterien erfüllen, umso mehr erfüllen sie eine Vorbildfunktion für andere. Die Lebensmittelbranche wird in Kenntnis gesetzt, dass die Halâl-Food Angelegenheit mehr ist als nur ein Werbethema.

 

Igmg.de: Das EHZ ist im Halâl-Food Bereich sehr erfahren. Wie wird das Wissen mit der Öffentlichkeit, insbesondere mit den Verbrauchern geteilt? Sind die Halâl-Kriterien, auf die man sich geeinigt hat, den Verbrauchern bekannt? Inwieweit kommt also das Institut seiner Aufgabe nach, die Öffentlichkeit aufzuklären?

 

Ahmet Yazici:Es ist offensichtlich, dass da noch Nachholbedarf besteht. Im fortschreitenden Institutionalisierungsprozess werden wir die Verbraucher aufklären.

 

Perspektif: Was können sie über den weiteren Institutionalisierungsprozess sagen?

 

Ahmet Yazici: Wie sie auch vorhin andeuteten, muss ein unabhängiges Informationszentrum gegründet werden, das Aufklärungsarbeit im Halâl-Food Bereich leistet. Zudem müssen die Organisationen, denen die Halâl-Kriterien am Herzen liegen, einen Dachverband gründen und stärker zusammen arbeiten. Natürlich sollten auch Herstellerfirmen im Dachverband vertreten sein.

 

Igmg.de: Herr Çalkara, wie können wir den Bedarf nach einem Halâl-Zertifikat aus der Perspektive des Verbrauchers darstellen?

 

Yusuf Çalkara: Herr Yazici machte vorhin auf das Fehlen von Standards aufmerksam. Auch im Bereich der Informationen über die Halâl-Produkte gab es nichts Verbindliches.

 

Igmg.de: Das heißt?

 

Yusuf Çalkara: Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, tragen die Menschen, die nur Halâl-Produkte kaufen, eine Liste mit E-Nummern mit sich. Doch diese Liste gibt keinen Aufschluss darüber, ob ein Produkt halâl ist oder nicht. Denn E-Nummern zeichnen Zusatzstoffe aus, die tierischer oder pflanzlicher Natur sind. Das Wissen darüber reicht jedoch nicht aus, um ein Produkt als halâl zu bezeichnen. Der rechtliche Rahmen in Deutschland trägt zu den Unsicherheiten in diesem Bereich bei. Denn in Deutschland sind die Hersteller nicht verpflichtet, die im Produkt vorhandenen Zusatzstoffe bekannt zu geben. Um ein Beispiel zu nennen: Es herrscht die Auffassung, dass Apfelsäfte in der Halâl-Frage unbedenklich sind. Wir haben jedoch 30 Hersteller kontaktiert und herausgefunden, dass 15 von ihnen Schweinegelatine beim Filtern verwenden. Das heißt diese Apfelsäfte sind nicht mehr als halâl zu bezeichnen. Es setzt demnach ein gewisses Fachwissen voraus, um ein Produkt als halâl zu kennzeichnen. Der Bedarf nach einem Helâl-Zertifikat macht sich hier deutlich bemerkbar, denn die Unsicherheit der Muslime in diesem Bereich und folglich auch der Informationsbedarf sind sehr hoch.

 

Igmg.de: Welche Lösungsansätze bietet das EHZ?

 

Yusuf Çalkara: Um diese Frage zu beantworten, möchte ich Ihnen grundlegende Informationen zu unserem Institut geben. Das EHZ arbeitet unter der Aufsicht des Islamrats und des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Deutschland (BIG e.V.). Die Tatsache, dass das Institut von zwei islamischen Dachverbänden getragen wird, ist in Bezug auf die Glaubwürdigkeit von Bedeutung. Diese Dachverbände haben keine kommerziellen Interessen. Dies ist für die Zertifizierung von Belang, denn es wird darauf geachtet, dass die Halâl-Zertifizierung nicht unnötig überteuert ist. Andernfalls wird der Hersteller finanziell zu sehr belastet, so dass sich das auch auf die Lebensmittelpreise auswirkt. Wir achten also darauf, die Zertifizierung so wenig wie möglich mit Unkosten zu belegen.

 

Unser Halâl-Siegel/Logo ist patentiert. Folglich können die Herstellerfirmen nur mit unserer Zustimmung das Siegel verwenden. Auf der Internetseite www.eurohalal.de können sie das Logo sehen, in dessen Mitte die Adresse unserer Internetseite zu sehen ist. Der Verbraucher kann die Halâl-Kriterien, nach denen das erworbene Produkt hergestellt wurde, auf unserer Seite einsehen.

 

Igmg.de: Wie sieht der Zertifizierungsprozess aus?

 

Yusuf Çalkara: Die Anträge müssen schriftlich bei uns eingehen. Wir senden den Firmen Antragsformulare. Nach der Bearbeitung des Antrags prüft ein zweiköpfiges Team, ob und inwieweit die Halâl-Kriterien eingehalten werden. Anschließend legen wir dem Gelehrtenrat, der aus vier Theologen besteht, einen Bericht vor. Nach Überprüfung des Berichts, entscheidet der Gelehrtenrat über den Antrag. Falls die Lebensmittel zweifelhafte Inhaltsstoffe beinhalten, senden wir diese in ein Labor, um herauszufinden, ob das Produkt tierische Zusatzstoffe oder Alkohol enthält. Sofern die Hersteller alle Bedingungen erfüllen, erhalten sie das Halâl-Zertifikat für ein Jahr. Zudem setzen wir voraus, dass nur Muslime als Schächter tätig sind. Unseren Kriterien zufolge müssen drei Metzger im Schlachthof angestellt sein. Desweiteren setzen wir voraus, dass im Betrieb nur halâl geschächtet wird. Wir lehnen Betriebe ab, die an einigen Tagen halâl schächten und an anderen nicht. Alle Produkte des Betriebes müssen also halâl sein.

 

Igmg.de: Endet die Halâl-Kontroll mit der Halâl-Zertifizierung?

 

Yusuf Çalkara:Nein, die Firmen werden zwei bis vier Mal im Jahr von uns unangemeldet aufgesucht und überprüft. Schlachthöfe überprüfen wir viermal jährlich. Die unangemeldeten Kontrollen sind ein Teil unseres Vertrages mit den Herstellerfirmen. Falls eine Firma sich wegen der Kontrollen uneinsichtig zeigt, entziehen wir ihr die Zertifizierung. Doch bisher hatten wir diesbezüglich keine Probleme.

 

Igmg.de: Arbeiten sie auf internationaler Ebene mit anderen Instituten zusammen?

 

Yusuf Çalkara: Es gibt im Iran und in Thailand Institute, mit denen wir zusammen arbeiten. In Deutschland gibt es kein anderes Institut, das unsere Kriterien erfüllt. In Großbritannien, in Frankreich und in den Niederlanden ist die Halâl-Zertifizierung zwar stärker verbreitet, aber weniger effizient. In Frankreich und Großbritannien dauern die islamrechtlichen Diskussionen an.


Am 3. Oktober 2011 findet der bundesweite "Tag der offenen Moschee" statt. Unsere Sonderseiten zum...

Nach einer ersten erfolgreichen Spendenaktion hat sich der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft...

Angesichts der humanitären Notlage in Somalia hat der IGMG-Vorstand beschlossen, eine Spendenaktion...

Pierre Vogel tritt in Hamburg auf, liest man in der Welt-Zeitung. Vielleicht ein Schaukampf des...

Am 12. Juni hat die Türkei gewählt. Das Ergebnis der seit acht Jahren regierenden AKP (Partei für...

Im Allgemeinen widmeten sich US-Präsidenten in ihrer zweiten und letzten Regierungsperiode dem...

Publikationen

Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur". 

Bestellung

Öffnet internen Link im aktuellen FensterWeitere Publikationen

Ausgesuchtes

Montag 28. Dezember 2009

Muslime, die Wert auf Halâlprodukte legen, möchten, dass ihre Wünsche in der Lebensmittelbranche Beachtung finden. Die meisten von ihnen tragen stets eine Liste mit Zusatzstoffen und E-Nummer bei sich. Doch es gibt keine festen...

[mehr]

Startseite Suchen Impressum Intranet Sitemap Bildergalerie