Islam
Der Koran wurde der Menschheit als eine Quelle der Rechtleitung (Hidâya) und Wegweiser für das Leben gesandt. Um diesem Zweck dienlich zu sein, muss er jedoch richtig verstanden werden. Denn ohne ein solches Verständnis ist es nicht möglich, ihn in angemessener Weis zu verstehen und danach zu leben.
Um einen literarischen oder wissenschaftlichen Text zu verstehen, muss ein gewisses Grundwissen vorhanden sein. Ferner dürfte es auch nicht zu verhindern sein, sich an einen Fachmann zu wenden, um zu einem richtigen Verständnis des Textes zu gelangen. Mit allgemeinen Arabischkenntnissen können, wie bei einem beliebigen Text, wörtliche Bedeutungen des Korantextes aufgedeckt werden, doch gibt es außerhalb davon auch jene Bedeutungen, die die wahre Absicht Allahs darstellen. Im Koran lassen sich Geschichten von vergangenen Völkern finden, die der Erläuterung bedürfen können. Die betreffenden offenbarten Verse wurden in einem bestimmten Kontext herabgesandt, sie hatten einen historischen Offenbarungsgrund (Sabab an-Nuzûl). Neben eindeutigen (muhkam) Versen gibt es auch Verse mit mehreren (mutaschâbih) Bedeutungen. Aus dem Koran können zahlreiche Gebote (pl. Ahkâm) gefolgert werden, doch hält er ebenso endlose Weisheiten (pl. Hikam) bereit. Um die Verse des Korans in bester Weise verstehen zu können, müssen umfassende Kenntnisse in diesen Sachgebieten vorhanden sein. Daher bedarf es der Exegese (Tafsîr).
Der Koran ist ein vielseitiges, themenreiches und tiefgründiges Buch wie kein anderes. Er ist das Wort Allahs (Kalâmullah). Wir sind Diener (Abd) Allahs. Gewiss wurde der Koran uns Menschen gesandt, damit wir ihn verstehen und danach leben können. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch ihn in gleicher Weise versteht.
Die Befähigung und Auffassungsgabe jedes Menschen ist verschieden. Demnach unterscheiden sie sich auch in ihren Handlungen. Auch einen literarischen/wissenschaftlichen Text wird jeder Einzelne entsprechend seinem Niveau, seiner Kapazität und seinem Interessenbereich anders verstehen. Für das Verständnis eines Buches wie den Koran, das Wort Allahs, mit seinem eigenen Stil, seiner Vielfältigkeit und Tiefgründigkeit ist eine gewisse Grundlage, ein bestimmtes Niveau erforderlich.
Der Koran erklärt sich selbst
Die meisten Themen des Korans sind in eindeutiger Weise dargelegt. Daneben gibt es mehrdeutige Inhalte. Verse, die Allah, das Leben im Jenseits (Âchira) und Sachverhalte, die nicht jeder Mensch auf Anhieb verstehen kann, werden so erläutert, dass er sie von seiner Erfahrung in der physischen Welt ausgehend verstehen kann.
Der Koran selbst zeigt die Notwendigkeit der Erläuterung, wenn er kurz und bündig dargelegte Inhalte an anderer Stelle umfassender erklärt. Die beste Exegese ist jene, die mit dem Koran selbst betrieben wird. Ein Sachverhalt wird an verschiedenen Stellen des Korans in dem ihm eigenen/originalen Stil dargelegt. Um bestimmen zu können, was der Koran zu einem Thema aussagt, müssen diese Stellen dem Koran als Ganzes entnommen werden.
Genauso wichtig für die Exegese des Korans sind die Erläuterungen des Propheten, dem ersten Adressaten des Korans, zu einzelnen Versen und Praktiken, die auf diese zurückgeführt werden.
Wie in dem Vers „Uns obliegt dann seine Erklärung“ (Sure Kiyâma, [75:19]) deutlich wird, erläutert Allah den Koran selbst und lässt ihn von unserem Propheten auslegen, wie es in folgendem Vers heißt: „... Und dir offenbarten wir den Koran, damit du den Menschen erklärst, was ihnen hinabgesandt wurde, so dass sie es bedenken.“ (Sure Nahl, [16:44]) So hat Allah beispielsweise geboten das Gebet (Salâh) zu verrichten oder die Almosensteuer (Zakat) zu zahlen und unser Prophet hat gezeigt, wie gebetet und wie viel gezahlt werden soll. Dies ist ebenso der Fall bei jedem anderen Gottesdienst (Ibâda).
Die Gefährten sahen sich als Adressaten des Korans
Die Gefährten (pl. Ashâb) unseres Propheten haben sich bemüht, den Koran zu verstehen und dies ernst genommen. Sie haben die Erläuterungen des Korans und des Propheten genutzt und im Bewusstsein ihrer Grenzen von Zeit zu Zeit auch befähigte und einflussreiche Autoritäten aus ihrer Mitte befragt. Die Exegese hatte für sie einen hohen Stellenwert.
Die Muslime, die sich seit der frühen Zeit des Islams als Adressaten des Korans sehen, versuchen ihn in bester Weise zu lesen, zu verstehen und danach zu leben. Hierbei haben sie es auch nicht versäumt, sich des Koranverständnisses ihrer Vorfahren zu bedienen. Denn je weiter man sich der Offenbarungszeit des Korans nähert, desto besser wurde er verstanden. Schließlich sind die rund fünfhundert Tafsîr-Werke, die in diesem Rahmen entstanden, das Produkt eines kollektiven Verstandes/die Arbeit einer Kommission, die als göttlicher Segen für diejenigen gelten, die den Koran verstehen möchten. Dass es so viele Korankommentare gibt, bedeutet auf keinen Fall, dass der Koran unverständlich sei. Vielmehr ist dies ein Zeichen dafür, dass der Koran ein sich ständig erneuerndes Buch ist, das sich jeder Epoche, jedem Umstand und jedem Menschen anpasst. Daher wurde gesagt, dass auch die Zeit den Koran interpretiert.
Zahlreiche Begriffe im Koran verdeutlichen die Notwendigkeit, sich tiefgründige Gedanken über ihn zu machen.
„Und so sandten wir ihn als arabischen Koran hinab und flochten darin auf vielfältige Weise Ermahngen ein...“ (Sure Tâhâ, [20:113])
„Und wir haben den Koran in Abschnitte geteilt, damit du ihn den Menschen nach und nach vorträgst. Und so offenbarten wir ihn Schritt für Schritt.“ (Sure Isrâ, [17:106])
„… So machen wir den Verständigen die Zeichen klar.“ (Sure Âraf, [7:32]; Sure Tawba, [9:11]; Sure Yûnus, [10: 5])
„So machen wir die Zeichen klar für ein Volk, das nachdenkt.“ (Sure Yûnus, [10:24])
„Wollen sie denn nicht über den Koran nachdenken – oder sind ihre Herzen verriegelt?“ (Sure Muhammad, [47:24])
„Studieren sie den Koran denn nicht? Wenn er von einem anderen als Allah stammte, fänden sie in ihm gewiss viele Widersprüche.“ (Sure Nisâ, [4:82])
„Wir machten den Koran gewiss leicht zum Erinnern. Gibt es denn keinen, der sich (damit) ermahnen lässt?“ (Sure Kamar, [54:17, 22, 32, 40])
In unzähligen Hadithen hat uns der Prophet den Koran als Quelle des Wissens (Ilm) und der Weisheit (Hikma) beschrieben und uns nahegelegt, ihn zu sorgfältig zu lesen, zu lernen und zu lehren. Er erlaubte es nicht, den Koran in weniger als drei Tagen vollständig zu lesen, denn „Wer ihn in weniger als drei Tagen durchliest, hat nichts von ihm verstanden.“(Tirmizî, Abû Dâwûd, Ibni Mâdscha, Dârimî, Ahmad bin Hanbal)
Versucht den Koran zum Reden zu bringen!
Die Worte von Ali (ra) zu diesem Thema sind besonders wichtig und sollten uns nachdenklich stimmen: „Der Mushaf befindet sich zwischen zwei Buchdeckeln. Er spricht nicht, nur die Menschen sprechen mit ihm.“ (Tabarî, „Târichul Umam, VI, 37) „Dies ist der Koran. Versucht ihn zum Reden zu bringen.“ („Nahdschul Balâğa”, S. 195) Gewiss, als Wegweisers des Lebens beinhaltet der Koran allgemeine Botschaften bezüglich des Lebens der Menschen sowie universale Prinzipien. Die Aufgabe der Gelehrten ist es nun diese Grundlagen und Botschaften mit einer angemessenen Methode und dem Geist des Islams entsprechend zu interpretieren, den Islam mit Hilfe der Inspiration des Korans der Wahrnehmung der Zeit gemäß zu erläutern.
Aus diesen Gründen bedarf es der Koranexegese. Die Wissenschaft des Tafsîr ist eine Disziplin, die von kundigen Gelehrten innerhalb des Rahmens bestimmter Regeln betrieben wird und dazu beiträgt, den Koran richtig zu verstehen. Sich dabei der Exegese, also dem Produkt einer kollektiven Bemühung, zu bedienen, die seit den Anfängen des Korans besteht, bis in unsere Zeit reicht und weiterhin bestehen wird, ist wichtig und notwendig. Abgesehen davon, dass die Sprache des Korans, das Arabische, eine umfangreiche Sprache ist, machen es auch die Veränderungen der arabischen Sprache notwendig, Exegese zu betreiben, um den Koran so zu verstehen, wie er zur Zeit der Offenbarung (Wahy) verstanden wurde. Diese Notwendigkeit erwächst jedoch nicht etwa aus einer vermeintlichen Unverständlichkeit des Korans. Im Gegenteil, der Koran ist ein deutliches Buch, jedoch vielseitig, themenreich, umfangreich und originell. Dies ist so, damit Menschen mit unterschiedlicher Auffassungsgabe, verschiedenen Problemen und Sprachen die Feinheiten, Weisheiten, Geheimnisse und Gebote (Hukm) des Korans vermittelt werden können. Da der Koran das Wort Allahs ist, gilt die Koranexegese seit jeher als die höchste unter den Wissenschaften.
Quelle: Zeitschrift "Yeni Dünya", September/Oktober 2010
Übersetzung: Ali Mete
Am 3. Oktober 2011 findet der bundesweite "Tag der offenen Moschee" statt. Unsere Sonderseiten zum...
Publikationen
Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur".
Ausgesuchtes
Samstag 18. Dezember 2010
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