andalusien messe

 

Mittwoch 09. Juni 2010

Deutschland, Wissenschaft, Gesellschaft, Migration, Bildung
Studie löst Debatte um die Gewalttätigkeit muslimischer Jugendlicher aus

Junge, männliche Muslime sind umso weniger integriert und umso gewalttätiger, je gläubiger sie sind. Dies geht aus dem zweiten Bericht zu einem Forschungsprojekt des Bundesinnenministeriums und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) hervor, das von dem Kriminologen Christian Pfeiffer geleitet wird. Der Vorsitzende des Islamrats in der Bundesrepublik, Ali Kizilkaya, bezweifelt im Gespräch mit der „Welt“ die Befunde des Berichts.

Bei einer Befragung von 45.000 Schülern seien insbesondere gläubige Muslime durch jugendtypische Delikte wie Körperverletzung oder Raub aufgefallen, heißt es in der Untersuchung. Die höchste „Gewalttäter-Quote“ gibt es danach unter „sehr religiösen“ muslimischen Jugendlichen mit 23,5 Prozent, die niedrigste bei den „etwas religiösen“ mit 19,6 Prozent. Dabei sei die höhere Gewalttätigkeit unter Muslimen ausschließlich männlichen Jugendlichen zuzurechnen. Die Studie führt die Ergebnisse vor allem auf unterschiedliche Männlichkeits-Vorstellungen zurück: Die muslimische Religiosität fördere die Akzeptanz der Machokultur, sagte Institutsdirektor Christian Pfeiffer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur DAPD.

 

„Ich beobachte keinen Anstieg der Gewaltbereitschaft mit zunehmender Religiosität, sondern eher das Gegenteil“, sagte hingegen Islamratsvorsitzender Ali Kizilkaya. Dass Menschen religiös sind, heiße nicht, dass sie stets danach handeln. Auch der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, sagte, dass muslimische Migrantenkinder mehr Diskriminierungserfahrungen machen als christliche. „In Ermangelung einer festen Identität erklären sie sich dann zu überzeugten Muslimen, obwohl ihre Gewalttaten oder auch ihr Alkoholkonsum im Widerspruch zum islamischen Glauben stehen“, so Mazyek.

 

Der Soziologe Prof. Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück meint dazu, dass man viele Faktoren zusammentragen muss, um dieses Phänomen wissenschaftlich-differenziert und fundiert zu erörtern. Es handele sich um ein Ursachenbündel aus individualbiografischen, psychologischen, historischen, sozialen und politischen Aspekten. „Es sind Faktoren, die auf individueller, familiärer und gesellschaftlicher Ebene anzusiedeln sind“, sagte Ceylan der "Islamischen Zeitung". Muslimische Jugendliche in Deutschland spüren etwa bereits in den ersten Jahren im Bildungssystem, dass sie kaum Chancen haben, aus den Armutsstrukturen auszubrechen. „Die PISA- und die IGLU-Studien haben uns doch die Selektionsmechanismen im Bildungssystem eindeutig attestiert.“

 

Der Islam gelte in Deutschland zudem nach wie vor als eine Ausländerreligion. „Das nehmen junge Muslime sehr wohl wahr. Stigmatisierungs— und Ausgrenzungsprozesse spielen eine zentrale Rolle bei der Selbstdefinition der muslimischen Jugendlichen. Der Islam wird nach wie vor in der Gesellschaft und in den Medien als Ausländerreligion kommuniziert“, kritisiert Ceylan. Wer seinen muslimischen Glauben lebt, müsse damit rechnen, „dass er nicht mehr zur Gesellschaft dazugehört“.

 

Auch Bülent Ucar, Professor für islamischen Religionsunterricht in Osnabrück, zeigte sich „irritiert über die Ergebnisse, weil sich die Aussagen nicht mit anderen neuen Untersuchungen etwa der Bertelsmann-Stiftung decken“. Sollten die Befunde jedoch stichhaltig sein, „dann bestätigen sie eine Position, die von mir und vielen anderen Wissenschaftlern vertreten wird: Wir brauchen ein neues Verständnis für die Vermittlung des Islam in europäischen Kontexten auf der Höhe der Zeit. Dafür ist auch eine neue theologische Auseinandersetzung mit dem Islam erforderlich.“

 

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer äußerte sich ähnlich. Religiosität als solche könne nicht die Ursache für höhere Gewaltbereitschaft sein. Entscheidend sei, wie jungen Muslimen der Glaube vermittelt werde. Deshalb sei es unabdingbar, dass in Deutschland ausgebildete Imame und Religionslehrer die Heranwachsenden unterrichteten. Sie fordert angesichts der Umfrageergebnisse zudem eine Verbesserung der Bildung und Ausbildung von jungen Muslimen. Es sei von zentraler Bedeutung, dass diese frühzeitig eine Perspektive erhalten. Allerdings seien junge Migranten auch selbst „gefordert“, Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu nutzen, erklärte die Ministerin am Montag in Berlin. (sa)


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