Es gibt wohl keinen Leser des Korans, der nicht erkannt hat, dass der Koran ständig vom Geben spricht. In nahezu hundert Versen wird durch die Begriffe Infâk, Sadaka und Zakât eine Folge des Glaubens (Îmân), eine Grundlage der Gottesdienste (pl. Ibâdât) und ein Weg des Dankes (Schukr) aufgezeigt.
In den betreffenden Versen, die von den frühen Jahren der Offenbarung (Wahij) bis zum Ende des Prophetentums Muhammads (saw), an die Muslime gerichtet wurden, wird u.a. erläutert, was zu spenden ist ([2:3][2:267][8:3][13:22]), weshalb dies getan werden soll ([2:261][2:265][2:272][3:92][4:38][8:60]), wer zu den Empfängern der Spende gehört ([2:215][2:271][9:60][9:71]), wie viel zu spenden ist ([2:219]), wie zu spenden ist ([2:262][2:274][13:22]) und unter welchen Umständen das Spenden keine Bedeutung hat ([2:264]). Diese und viele andere Verse verdeutlichen im Detail, wie dieser Gottesdienst anzugehen ist.
Gleich einer Münze haben die Gottesdienste eine zum Diesseits und eine zum Jenseits gerichtete Seite. In erster Linie sind diese aber als eine Erfordernis – und im Weiteren Sinne Beweis – des Glaubens an Allah und das Jenseits zu betrachten. Andererseits haben sie jedoch auch einen Bezug zum Diesseits, da sie bestimmten Zielen dienen und stets eine Weisheit (Hikma) hinter ihnen steckt. Gemäß dem Tawhîd besteht zwischen dem Diesseits und dem Jenseits ohnehin eine unzertrennliche Einheit, die auf einer kausalen Beziehung beruht.
Der Begriff „Infâk“
Der begriff Infâk bedeutet „Lebensunterhalt geben“, „versorgen“, „ernähren“, „auf dem Wege Allahs ausgeben“. Es bezeichnet die finanzielle oder materielle Unterstützung von armen und bedürftigen Menschen, seien es Verwandte oder nicht.
Im islamischen Recht (Fikh) ist der Umfang des Spendens sehr weit gefasst. Es umfasst die Ausgaben für die Versorgung der eigenen Familie als auch die Spenden – in Form von Sadaka, Zakât und Ähnlichem – an Arme und Bedürftige. Bevor es klare Bestimmungen zum Umfang der Abgaben und Spenden gab, wussten die Muslime nicht, wie viel sie den Armen und Bedürftigen geben sollten. Deshalb fragten Muaz bin Dschabal (ra) und Sa’laba (ra) den Gesandten Gottes: „Wir haben Sklaven und Verwandte. Auf welche Weise und wie viel von unserem Besitz sollen wir ihnen geben?“ Daraufhin wurde folgender Vers herabgesandt: „…Und sie werden dich fragen, was sie spenden sollen. Sprich: »Das Entbehrliche.« So macht euch Allah die Botschaft klar. Vielleicht denkt ihr nach.“ [2:219] Vor der Offenbarung genauerer Bestimmungen zum Umfanges der Zakât, setzten die wohlhabenden Muslime dies so in die Tat, dass sie jeden Tag das für ihren Unterhalt erforderliche beiseite legten und den Rest spendeten. Diejenigen, die Gold und Silber besaßen, legten den Betrag zur Seite, den sie für ein Jahr brauchten und spendeten das Restliche auf dem Weg Allahs. In vielen Koranversen werden wohlhabende Muslime dazu aufgefordert „auf dem Wege Allahs“ von ihrem Besitz auszugeben, was ihnen hoch angerechnet wird: „Die, welche von ihrem Besitz bei Nacht und am Tage, im verborgenen und öffentlich spenden, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn; keine Furcht soll über sie kommen, und sie sollen nicht traurig sein.“ [2:274]„Die ihr Vermögen auf Allahs Weg ausgeben, gleichen einem Korn, das in sieben Ähren schießt, in jeder Ähre hundert Körner. Und Allah gibt doppelt, wem Er will, und Allah ist umfassend und wissend.“[2:261] Bei der Aufzählung der Eigenschaften eines Gläubigen (Mu‘min) am Anfang der Sure Bakara wird das Ausgeben „auf dem Wege Allahs“ an dritter Stelle nach dem Glauben an das Verborgene (Ĝajb) und dem Gebet (Salah) angeführt (Vgl. [2:3][3:134]). In einem anderen Vers heißt es: „Ihr werdet echte Frömmigkeit nicht erlangen, ehe ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt; und was immer ihr spendet, siehe, Allah weiß es.“ [3:92] Nachdem dieser Vers herabgesandt wurde, wollte Abû Talhâ (ra), das, was ihm am liebsten war, nämlich seinen Garten, stiften. Dies tat er, indem er der Empfehlung de Propheten, den Garten seinen nahen Verwandten und seinen Cousins zu geben. Umar (ra) stiftete sein wertvolles Land bei Chajbar und Zajd bin Harîtha (ra) bat den Propheten, sein wertvolles Pferd „Sajl“ zu verschenken. Der Bitte kam der Gesandte Gottes nach und gab das Pferd Usâma bin Zajd (ra). Hasan al-Basrî sagt: „Wenn jemand auch nur eine Dattel, die er mag, auf dem Wege Allahs spendet, gehören zu denen, die „echte Frömmigkeit“ erlangt haben, wie es der Vers verspricht.“ Umar bin Abdulazîz pflegte es, Süßigkeiten an die Armen zu verteilen. Denen, die ihn nach dem Grund für diese Handlung fragten, antwortete er: „Das, was ich meisten mag, sind Süßigkeiten.“
Die beste Spende ist diejenige, die man seinen bedürftigen Verwandten gibt. Auch die Ausgaben, die für die Familie gemacht werden, zählen zu den Spenden, wie folgender Vers verdeutlicht: „Die Männer stehen für die Frauen in Verantwortung ein, mit Rücksicht darauf, wie Allah den einen von ihnen mit mehr Vorzügen als den anderen ausgestattet hat, und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben.“ [4:34] In einem Hadîth heißt es: „Wenn ein Muslim, den Lohn Allahs erwartend, etwas von seinem Vermögen für den Unterhalt seiner Familie ausgibt, zählen diese als Sadaka.“ Zu dem Personenkreis, die im Hadîth mit „Ahl“ bezeichnet werden, gehören die Ehefrau eines Mannes, seine leiblichen Kinder, seine Brüder und Schwestern, seine Onkel und Neffen sowie andere Personen, für deren Versorgung er aufkommt. Es ist Pflicht (Wâdschib), für den Lebensunterhalt dieser Menschen zu sorgen. Falls dieser Pflicht mit dem Ziel Allahs Zufriedenheit zu gewinnen nachgekommen wird, zählt dies als Gottesdienst. Wenn aber das Wohlwollen Allahs keine Rolle spielt, wurde lediglich die Pflicht erfüllt, ohne eine Belohnung zu erhalten.
Folgender Hadîth, überliefert von Sâd bin abî Wakkas, kann zur Erläuterung herangezogen werden: Sâd bin abî Wakkas, der im Jahre der Abschlusspilgerfahrt in Mekka erkrankte, legte testamentarisch fest, dass zwei Drittel seines Erbes nicht seiner einzigen Erbin, sondern einem anderen zukommen sollen. Damit ist aber der Gesandte Gottes nicht einverstanden. Sâd bin abî Wakkas bietet an, die Hälfte seiner Tochter zu hinterlassen, aber der Prophet erlaubt im nur ein Drittel einem anderen als seiner Tochter zu vererben und sagt: „O Sâd, Es ist besser, dass du deine Erben reich machst, anstatt, dass sie verarmen und betteln müssen. Du wirst für den Unterhalt (Nafaka), den du um Allahs Zufriedenheit Willen ausgibst, belohnt. Du wirst sogar belohnt, wenn du beim Essen deiner Gattin ein Häppchen in den Mund führst.“ Sâd bin abî Wakkas wurde jedoch wieder gesund, lebte noch lange und bekam weitere Kinder. Dem Hadîth zufolge ist es möglich, ein Drittel des Vermögens auf dem Wege Allahs auszugeben. Die übrigen zwei Drittel sind geschützt und gehören den Erben. Es muss auch beachtet werden, dass es verboten wurde, das Vermögen testamentarisch unter den Erben aufzuteilen. Hier muss den im Koran festgelegten Bestimmungen bezüglich den Erbanteilen Folge geleistet werden.
Zakât reinigt
Zakât bedeutet „Reinigung“, „Anwachsen“, „Segen“ und ist der Gottesdienst, demnach ein bestimmter Teil des Vermögens an eine oder mehrere der im Koran genannten acht Personengruppen entrichtet werden muss. Es handelt sich hierbei um einen „materiellen Gottesdienst“, da durch die Zahlung der Zakât Habgier verhindert, das Vermögen gereinigt und Segen (Baraka) gewonnen werden kann. Im Koran heißt es: „…und was ihr spendet, wird Er euch ersetzen…“ [34:39]
Die Zakât wird auch Sadaka genannt. Dies, weil mit der Zakât das Vermögen gereinigt und die Verbundenheit (Sadakât) desjenigen, der sie entrichtet, unter Beweis gestellt wird. Während jedoch der Begriff Sadaka sowohl für obligatorische Abgaben als auch freiwillige Spenden verwendet wird, bezeichnet der Begriff Zakât lediglich die verpflichtenden Abgaben. Wenn man sich die Wirkung und den Nutzen der Zakât für den Einzelnen, der sie zahlt bzw. empfängt, und die Gesellschaft vor Augen führt, erkennt man, welche Bedeutung sie hat. Die Zakât ist in erster Linie ein Zeichen der Ergebenheit in Gottes Willen. Denn sie wird entrichtet, weil es sich hierbei um ein Gebot Allahs handelt. Die vorrangige Aufgabe des Dieners ist es, das Gebot seines Herrn zu befolgen, ohne nach dem „Warum“ und „Weshalb“ zu fragen. Der Muslim bezeugt seine Dienerschaft, indem er der von seinem geliebten Herrn empfangenen Aufforderung Folge leistet, ohne eine materielle Gegenleistung zu erwarten.
Hinzukommt, dass die Zakât von Sünden und Habgier befreit und die Liebe zum Materiellen durch die Liebe zu Allah ersetzt. Dies ist auch der Gedanke, der in folgendem vers wiedergegeben wird: „O ihr, die ihr glaubt! Lasst euch nicht durch euer Hab und Gut und euere Kinder von der Erinnerung an Allah abbringen. Wer sich so verhält – das sind die Verlierer.“[63:9] Auch aus Sicht der Armen und Bedürftigen ist die Zakât sehr wichtig, da sie nur ihnen zusteht und unbedingt an sie entrichtet werden muss. Die Bedeutung der Zakât für die Gesellschaft ist mindestens so bedeutend wie der Nutzen für den Einzelnen. Allah hat die Menschen nicht alle mit denselben Eigenschaften erschaffen; nicht alle Mensch sind gleich stark und nicht allen wurde derselbe materielle Reichtum gegeben. Der Umstand, dass der Luxus und die Verschwendung von Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde und deren Teilnahmslosigkeit gegenüber den Armen und Bedürftigen, hat dazu geführt, dass die armen Bevölkerungsschichten ihnen mit Hass und Spott entgegnen. Infolge dessen kommt es zu sozialen Unruhen und Aufständen. Die Zakât ist eine der wirkungsvollsten Mittel gegen diese gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Die Zakât beinhaltet ein System, dass diejenigen schützt, die in materielle Not geraten. Sie fördert den Zusammenhalt und die Solidarität und verkleinert die Kluft zwischen Arm und Reich. Durch die Zakât wird dem Hass und Spott der Armen gegenüber den Reichen vorgebeugt und durch Zuneigung und Geschwisterlichkeit ersetzt. Auf diese Weise wird sowohl die materielle Not als auch gesellschaftlichen Unruhen entgegengewirkt.
Quelle: Şamil İslam Ansiklopedisi, Abschnitte Infâk und Zakât
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Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur".






























