Mittwoch 17. September 2008

Kommentar, Islam, Glaubenspraxis, Ramadan, Namaz
Das Tarâwih-Gebet

Eine Besonderheit des Ramadans ist das 20 Gebetsabschnitte (Rak’a) umfassende Tarâwih-Gebet, das nach dem Nachtgebet verrichtet wird. Das Wort „Tarâwih“ stammt aus dem Arabischen und ist die Pluralform von „Tarwiha“, was „sitzen“, „sich ausruhen“ bedeutet.

Da nach dem Beten von jeweils vier Gebetsabschnitten eine kurze Ruhepause im Sitzen folgt, erhielt das Gebet diese Bezeichnung. Das Tarâwih-Gebet obliegt jedem Muslim und ist eine Sunna, der der Prophet regelmäßig nachgegangen ist. Dieses Gebet ist nicht vom Umstand des Fastens, sondern von der Zeit abhängig, in der es verrichtet wird. Daher kann es ebenso von jenen verrichtet werden, die aus bestimmten Gründen nicht fasten können. 

 

Außer in den Versen des Korans findet das Tarâwih-Gebet auch in zahlreichen Hadîthen Erwähnung. Einem von Abû Hurajra (ra) überlieferten Hadîth zufolge empfahl der Gesandte Gottes das Tarâwih-Gebet in den Ramadannächten zu beten und sagte diesbezüglich: „Wer aus reinem Glauben und den Lohn von Gott erwartend die Nächte im Ramadan mit Gottesdiensten verbringt, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.”[1]Imâm Nawawî war der Überzeugung, dass das Tarâwih-Gebet das Wesen des Ramadan ausmacht. Aus dieser Perspektive betrachtet, kann die Aussage „Wer den Ramadan vollzieht“ auch „Wer den Ramadan mit nächtlichen Gebeten verbringt.“ bedeuten. Im Weiteren überlieferte Abdurrahmân bin Awf (ra) folgenden Ausspruch des Propheten: „Ohne Zweifel machte Allah das Fasten im Ramadan zur Pflicht. Ich machte das Beten in den Ramadannächten zur Sunna. Wer aus reinem  Glauben und den Lohn von Allah erwartend die Tage im Ramadan mit Fasten und die Nächte mit Gebeten verbringt, der wird von den Sünden gereinigt werden, wie ein Neugeborenes.“[2]Ein weiterer Hadîth zu diesem Thema wurde von Abû Zar al-Gifâri (ra) überliefert: „Der Gesandte Gottes ließ im letzten Abschnitt des Ramadans im ersten Drittel der Nacht das Tarâwih-Gebet  verrichten.“[3]Ferner berichtete Abû Hurajra (ra): „Der Gesandte Gottes (saw) sah im Ramadan eine Gruppe von Muslimen in der Gemeinschaft beten und sagte: „Das machen sie richtig, welch schöne Tat.“ und bekundete damit seine Befürwortung.“[4] Den folgenden Hadîth überlieferte Aischa (ra): „Er hat (an freiwilligen Gebeten), weder im Ramadan noch sonst, mehr als elf Gebetsabschnitte verrichtet. Er betete zunächst vier; und frage mich nicht, wie schön und lang sie waren. Dann betete er weitere vier; und frage mich nicht, wie schön und lang sie waren. Dann betete er noch drei dazu. Da fragte ich ihn: „O Gesandter Gottes, gehst du schlafen, bevor du das Witr-Gebet verrichtet hast?” Er erwiderte: „O Aischa, in der Tat schlafen nur meine Augen, aber mein Herz schläft nicht.”[5]

 

Die Anzahl des Tarâwih-Gebets ist der hanafitischen Rechtsschule zufolge auf  die Anordnung Umars (ra) zurückzuführen. In der letzten Zeit seiner Amtsperiode ließ Umar (ra) das Tarâwih-Gebet in der Mosche des Propheten (Masdschid an-Nabawî) mit 20 Gebetsabschnitten beten. Nach der Epoche der vier Kalifen erhob niemand Einwand gegen diese Vorgehensweise. Denn der Gesandte Gottes sagte: „Entfernt euch nach meinem Tode nicht von meiner Sunna und der Sunna der vier Kalifen.“[6] Darüber hinaus wurde von Abdullâh bin Abbâs (ra) überliefert, dass das Tarâwih-Gebet mit 20 Gebetsabschnitten verrichtet und danach mit dem anschließenden Witr-Gebet beendet wurde. Als Imâm Abû Hanîfa nach der Vorgehensweise Umars (ra) gefragt wurde, antwortete dieser: Das Tarâwih-Gebet ist ohne Zweifel eine regelmäßige Sunna (Sunna al-muakkad). Umars (ra) Anordnung, das Gebet in der Gemeinschaft mit 20 Gebetsabschnitten zu verrichten, ist keine Neuerung (Bid‘a) und geschah auch nicht aus persönlichen Beweggründen. Vielmehr ist diese Anordnung auf eine Empfehlung Muhammads (saw) zurückzuführen.“

 

Wie bereits vorher erwähnt, ist das Tarâwih-Gebet ein freiwilliges Gebet für Frauen und Männer. Es besteht kein Zweifel daran, dass zumindest acht Gebetsabschnitte eine regelmäßige Sunna sind.

 

Das Tarâwih-Gebet wird ausschließlich im Monat Ramadan verrichtet. Das Gebet kann von Beginn des Nachtgebet bis zum Morgengebet verrichtet werden. Es ist zwar ein Gemeinschaftsgebet, kann jedoch auch alleine gebetet werden. Allerdings ist der Lohn für das Beten in der Gemeinschaft größer. Ebenso ist es verdienstvoller, das Gebet in je zwei Gebetsabschnitte zu verrichten.

 

Im Vergleich zu anderen Gebeten wird das Tarâwih-Gebet zügig verrichtet. Doch  das bedeutet nicht, dass es mit einer Schnelligkeit gebetet werden darf, bei der man die einzelnen Wörter nicht versteht. Das hastige Beten des Tarâwih-Gebets sollte vermieden werden. Es ist wichtig, die Wörter einzeln auszusprechen, auf die Artikulation zu achten und die Gebetsabschnitte den Vorschriften entsprechend zu vollziehen. In Moscheen, in denen das Tarâwih-Gebet nicht mit einem Hatm, also mit dem Ziel im Ramadan den Koran von Anfang bis Ende zu rezitieren, gebetet wird, ist es von Vorteil, die kürzeren Suren zu rezitieren, um Fehler zu vermeiden und zudem dazu beizutragen, dass die Gemeinde diese besser auswendig lernen kann.

 

Nach den islamrechtlichen Bestimmungen bezüglich Tarâwih-Gebets ist es wichtig, ebenso die gesellschaftliche Dimension dieses den Ramadan bereichernden Gebets zu durchleuchten. So wie alles im Monat Ramadan segenreicher wird, vermehrt sich die Anzahl jener, die zum Nachtgebet erscheinen, obwohl das Gebet länger ist. Kinder, Frauen und Männer jeden Alters versammeln sich in den Moscheen, wo einen Monat lang Feststimmung herrscht. Muslime, insbesondere jene, die in nichtmuslimischen Ländern leben, müssen nach Wegen suchen, den Ramadan ausgiebiger zu nutzen. Zusammen mit ihren Kindern sollten sie einen Monat lang bei den allabendlichen Moscheebesuchen ihre Kinder mit dem Segen des Islams bekannt machen. Das Band der Brüderlichkeit sollte aufs Neue gebunden werden. Während dieses Monats sollten sie ihre Gottesdienste und ihre Spenden vermehren. Sie sollten eine Vorbildfunktion für ihre Kinder sein, damit auch diese später die Gottesdienste vollziehen. Sie müssen sich an den Tarâwih-Gebeten, die unter Leitung eines rechtschaffenen Imâms, der Sunna entsprechend verrichtet werden, beteiligen. Den Predigten in den Moscheen sollten die Muslime gut zuhören und den segenreichen Monat als einen Monat der Erziehung und Bildung ansehen. Imâme, die das Gebet zu schnell verrichten, sollten vermieden werden. Jene, die finanziell und zeitlich in der Lage sind, sollten die Umra während des Ramadans antreten und das Glück erleben, das Tarâwih- Gebet in der Kâba zu verrichten.

 


[1]Buchârî, Îmân, 25, 27; Muslim, Musafi'în, 173, 176; Ibni Mâdscha, Ikâmatus-Salâh, 173; Tirmizî, Sawm, 83

[2]Ibni Mâdscha, Ikâmatus-Salâh, 173; Ibni Hanbal, 1, 191, 195

[3]Ibni Mâdscha, Ikâmatus-Salâh, 173

[4]Abû Dâwûdd, Ikâmatus-Salâh, 190

[5]Buchârî, Tahadschdschud, 125

[6]Tirmizî, Ilm, 16; Ibni Hanbal, IV, 126

 


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