Dienstag 17. Oktober 2006

Ramadan, Islam, Glaubenspraxis, Kommentar, Autoren, Ali Mete
Der Ramadan und das soziale Leben

Der Ramadan ist in erster Linie nicht der Monat der Mildtätigkeit, also der Rahma, sondern der Monat der Takwa. Erst an zweiter Stelle, sozusagen als Folge der Takwa kommen soziale Aspekte. Man kann also zusammenfassen, dass die Steigerung der Takwa der Zweck, das Fasten, die Beschäftigung mit der Offenbarung sowie die Gebete Mittel und die Mildtätigkeit und die Vergebung u. a. Folgen des Monats Ramadan sind.

Dieser Sachverhalt wird eindeutig im 183. Vers der Sure Bakara wie folgt ausgedrückt: „O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch vorgeschrieben war. Vielleicht werdet ihr gottesfürchtig.“ Das Wort, das–wie hier – oft mit „gottesfürchtig“ übersetzt wird, ist das Wort Takwa. Muhammad Asad aber übersetzt den letzten Teil des Verses treffend wie folgt: „… damit ihr euch eurer Verantwortlichkeit gegenüber Gott bewusst werdet.“ (Muhammed Esed, Kuran Mesajı, Meal-Tefsir, Sure Bakara, S. 51) Die Übersetzung stammt vom Verfasser dieses Textes, da es leider noch keine deutsche Übersetzung gibt. Diese Übersetzung ist zwar etwas umständlich und gewöhnungsbedürftig, aber umfassender, womit der Inhalt des Wortes besser wiedergegeben wird.

 

Das Fasten befähigt den Menschen sich seiner stets verlangenden Natur bewusst zu werden, während er sich des Essens und Trinkens sowie des Geschlechtsverkehrs enthält. Er wird sich, geistig gestärkt durch das Lesen des Koran und zusätzliche Gebete, seiner Position gegenüber Gott und dessen Geschöpfen bewusst. Er wird also den Status eines Muttakî, eines Gläubigen, der sich seiner Verantwortlichkeit gegenüber Gott bewusst ist, erlangen.

 

Und hier beginnt die soziale Ebene des Ramadan. Nur wer sich der Beziehung zu seinem Schöpfer bewusst ist, kann auch die Beziehung zu seinen Mitmenschen im richtigen Maß ausrichten, wobei der Ramadan mit seinen Eigenheiten hilft. Deshalb ist es äußerst wichtig, das Fasten nicht als Enthaltung (Dies entspricht auch dem Sinn des arabischen Begriffs – sawm beziehungsweise sijâm –. Denn sawm bedeutet mehr als die Enthaltung des Essens und Trinkens, sondern – im Kern – „sich enthalten“) zu sehen und den Tag auf das Fastenbrechen hin auszulegen, sondern sich, gemäß dem Vorbild des Gesandten Gottes (Friede sei mit ihm), dem Lesen – und selbstverständlich dem Verständnis – des Koran und den Gebeten hinzugeben.

 

Der Ramadan ist der Monat der Einkehr

In erster Linie ist der Ramadan auch nicht der Monat des gesellschaftlichen Engagements beziehungsweise der Aktion, sondern der Monat der Einkehr und Kontemplation, was von Außenstehenden oft als Müßiggang wahrgenommen wird. Der Ramadan hat also einen individuellen Charakter. Dies kann man an der Praxis des Gesandten Gottes erkennen, der im Ramadan – und auch in den Monaten davor – besonderen Wert auf individuelle Gebete und die Rezitation des Koran gelegt hat. Auch wenn Reisende das Fasten unterbrechen und die nicht gefasteten Tage nachholen können, ist die Immobilität vorzuziehen, denn nur Stille und Immobilität lassen die Kontemplation zu. Das heißt selbstverständlich nicht, die sozialen Aspekte des Ramadan auszublenden, sondern – den vorrangigen Zielen des Ramadan entsprechend – Prioritäten zu setzten.

 

Im Ramadan werden zwischenmenschliche Beziehungen gestärkt

Im Ramadan wird durch das gemeinsame Sahûr-Essen die familiäre Bindung, durch das Iftâr-Essen die verwandtschaftliche und durch öffentliche Essensausgaben die gesellschaftliche Bindung erneuert und gestärkt.

 

Jedes muslimische Kind freut sich, auch wenn es nicht fastet, besonders auf die Sahûr und Iftâr-Essen, da in familiärem und verwandtschaftlichem Beisammensein eine besondere Atmosphäre entsteht. Die all abendlichen Einladungen von Verwandten, Bekannten und – unter anderem auch nichtmuslimischen – Freunden zum Iftâr-Essen, haben sich fest in der muslimischen Kultur etabliert, denn der Gesandte Gottes sagte: „Wer einem Fastenden zum Fastenbrechen einlädt, wird belohnt wie der Fastende, ohne eine Verminderung.” (Überliefert von Tirmizî)

 

Gemäß dem Ausspruch des Gesandten Gottes „Das schlechteste Essen ist das, zu dem die Reichen, aber nicht die Armen eingeladen werden.“ (Überliefert von Buchârî) organisieren Muslimein vielen muslimischen Gesellschaften tägliche Essensausgaben für die Armen und Bedürftigen, um ihnen ein möglichst unbeschwerliches Fasten zu ermöglichen. Dadurch sind auch diese Menschen in der Lage vom Segen des Ramadan zu profitieren und nach Steigerung ihrer Takwa zu streben. Zu den Vorteilen des Fastens gehört – wie beim gemeinsamen Gebet – schließlich auch die Aufhebung des Unterschieds zwischen arm und reich, denn ungeachtet ihres Reichtums beziehungsweise ihrer Armut essen und trinken beide unter Tag nichts und sitzen beim Iftâr -Essen nebeneinander.

 

Man kann nicht über die gesellschaftlichen Aspekte des Ramadan sprechen, ohne das besondere Tar â wih -Gebet zu erwähnen. Es wird traditionellerweise mit 8 oder 20 Rakat gemeinschaftlich nach dem Nachtgebet in der Moschee verrichtet. Auch wenn dies nicht ganz der Praxis des Gesandten Gottes, der diese Gebete – mit einigen Ausnahmen – individuell verrichtete, aber seinen Gefährten auch nicht verbot es gemeinsam zu beten, entspricht, wird es als eine der herausragenden Eigenschaften des Ramadan angesehen. An folgendem Ausspruch des Gesandten Gottes, das von Buchârî überliefert wird, ist aber kein Zweifel: „Wer aus reinem Glauben und den Lohn von Gott erwartend die Ramadannächte mit Gebeten verbringt, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.” (Überliefert von Buchârî) Dementsprechend füllen sich die Moscheen und sogar nicht praktizierende Muslime nehmen regelmäßig an diesen Gebeten teil.

 

Mit der Zeit hat sich auch die Tradition der gemeinsamen Koranrezitation, Mukabala genannt, etabliert, wozu sich Muslime nach dem Morgengebet oder dem Nachmittagsgebet zusammenfinden und jeden Tag einen Abschnitt (Dschuz) aus dem Koran vorlesen. Da der Koran in 30 Abschnitte unterteilt ist, kann er in einem Monat einmal durchgelesen werden.

 

All dies, das Tarâwih-Gebet, die Mukabala und die gemeinsamen Iftâr-Essen, die in vielen Gemeinden sogar täglich ausgegeben werden, sind Anlass zum verstärkten Besuch der Moscheen im Ramadan.

 

Die finanzielle Dimension des Ramadan

Außer der Sadaka (Der Begriff Sadaka wird gewöhnlich mit Almosen oder Spende übersetzt. Da diese Übersetzung jedoch zu eng ist und eine materielle Dimension aufoktroyiert, wird hier die arabische Bezeichnung benutzt. Saadaka ist insofern nicht nur mit materiellen Zuwendungen gleichzusetzen, als dass auch Gebetsformen, Verhaltensweisen und gottgefällige Handlungen bzw. Enthaltungen als Sadaka definiert werden), die immer gegeben werden kann, gibt es zwei finanziell relevante Aspekte des Islam im Ramadan. Obwohl die Zakât, eine der Fundamente des Islam, auch zu einer anderen Jahreszeit gezahlt werden kann, wird dies meist im Ramadan getan, um – wie oben erwähnt – den Bedürftigen ein möglichst unbeschwerliches Fasten zu ermöglichen. Die Sadaka-i Fitr muss noch vor dem Ramadanfest von jedem Muslim gezahlt werden, denn Ibn Umar berichtet: „Der Gesandte Gottes hat die Sadaka-i Fitr, bestehend aus einem Sa’ (Maßeinheit) Datteln oder Gerste für jeden Muslim, ob alt oder jung, Frau oder Mann, frei oder unfrei zur Pflicht gemacht.” (Überliefert von Buchârî) Sie dient dazu, den armen und bedürftigen Familien zu einem fröhlichen Ramadanfest zu verhelfen.

 

Abgesehen davon sind Muslime im Ramadan besonders großzügig, weshalb in den Gemeinden zusammen mit der pflichtmäßigen Zakât und der Sadaka-i Fitr auch viele Spenden für Arme oder gemeinnützige Projekte gesammelt werden. Dabei lassen sie sich von folgendem Hadith leiten: „Das Vermögen wird durch Sadaka nicht vermindert.” (Überliefert von Muslim)

 

Das Ziel des Ramadan ist also die Steigerung der Takwa, die durch Einkehr und Kontemplation und der Beschäftigung mit dem Koran sowie der Verrichtung zusätzlicher Gebete erreicht wird. Daraus folgt, dass der Fastende sich seiner Stellung in der Welt bewusst wird und seine zwischenmenschlichen Beziehungen dementsprechend ausrichtet, was durch finanzielle Hilfeleistungen gefestigt und bewiesen wird.

 

Die Verse des Koran und viele Überlieferungen aus der Praxis des Gesandten Gottes sowie – nicht zuletzt – die Tatsache, dass das Fasten auch „den Menschen vor euch vorgeschrieben war“ [2:183], es also in fast allen Religionen Formen des Fastens gab und gibt, bestätigen dessen Wert und Notwendigkeit für den Einzelnen und die Gesellschaft. Aber nur mit der Zielsetzung und in der Reihenfolge, die oben wiedergegeben wurde, kann das Fasten im Monat Ramadan Sinn ergeben.

 

Zwei Überlieferungen sollen abschließend die Nutzlosigkeit des „bloßen“ Fastens wiedergeben.

 

„Das Fasten ist ein Schutz. Ein Fastender soll keine schlechten Worte von sich geben und sich nicht ärgern. Wenn den Fastenden jemand beschimpft oder mit ihm streitet, soll er „Ich faste!” sagen.” (Überliefert von Buchârî)

 

„Für Gott hat es keine Bedeutung, dass jemand, der das Lügen und den Betrug nicht unterlässt sich des Essens und Trinkens enthält.” (Überliefert von Buchârî)


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