Dienstag 09. September 2008

Kommentar, Islam, Glaubenspraxis, Ramadan, Sunna
Fasten ist Geduld

Der Gesandte Gottes Muhammad (saw) sagte: „Das Fasten ist die Hälfte der Geduld.” (Ibni Mâdscha, Sijâm, 44)

Der koranische Audruck für das Fasten ist „Sawm“ bzw. „Sijâm“. Sawm bedeutet „sich zurückziehen, Abstand nehmen“. In der Scharîa wird der Ausdruck wie folgt beschrieben: „Fasten ist der Zustand, während dessen sich der Mensch vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang im Bewusstsein eines Gottesduenstes vom Essen, Trinken, Geschlechtsverkehr und anderen dem Fasten schadenden Taten fernhält.“

 

Das Fasten zählt zu den fünf Säulen des Islams. Das Gebot ist im Koran und in der Sunna festgeschrieben. Es ist ein „körperlicher Gottesdienst“, der im neunten Monat des Mondkalenders einen Monat lang vollzogen wird. Dem Menschen werden in diesem Monat Taten, die für gewöhnlich erlaubt sind, für eine bestimmte Zeitdauer verboten.

 

Bei allen Formen des Gottesdienstes (Ibâda) ist es wichtig, nach dem „Warum?“ zu fragen. Die Antwort auf diese Frage ist von enormer Bedeutung, weil dadurch der Glaube im Leben eine Bedeutung gewinnt. Allah hat bei der Auferlegung eines Gebots oder Verbots meist auch den Hintergrund dargelegt. Die Sure Bakara, die das Fstengebot beinhaltet, ist das beste Beispiel hierfür: „O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch vorgeschrieben war; vielleicht werdet ihr gottesfürchtig.“[2:183]

 

Die Einsicht und die Entwicklung eines Pflichtbewusstseins und Takwâ ist ein bedeutender Prozess. Für die regelmäßige Durchführung einer Tat ist Geduld (Sabr) die wichtigste Eigenschaft. So ist das Fasten der Gottesdienst, für den ein hohes Maß an Geduld erforderlich ist. Das Fernhalten von Taten, die der Mensch gewohnt ist zu tun, erfordert die Fähigkeit des Ausharrens und Aushaltens.

 

Geduld bedeutet laut Wörterbuch „aushalten“, „ohne Eile das Ergebnis einer Sache abwarten“, „Ausgewogenheit“ und „Beharrlichkeit“. Anhand des Begriffes definiert man ebenso die Eigenschaft, Geschehnisse bei niemandem außer Allah zu beklagen, Schwierigkeiten Allah mitzuteilen, Vertrauen und Hingabe zu Allah zu zeigen und Begierden zu zügeln.

 

Hinsichtlich der Begrifflichkeit sind Fasten und Geduld verwandte Begriffe. Sie stehen nahezu in einer Ursache-Wirkung-Beziehung zueinander.

 

Gegenüber was ist der Fastende geduldig?

Der Fastende zeigt sich geduldig, indem er sich von Nahrungsmitteln, die er für gewöhnlich zu sich nimmt, fernhält. Unabhängig davon, ob es erlaubt (halâl) und aus eigenem Verdienst ist, kann er die Gaben, die unmittelbar vor ihm stehen, nicht kosten. In Situationen, in denen er anderen gegenüber üblicherweise eine Antwort parat hätte, zeigt er sich standhaft und verständnisvoll. Der Ursprung seiner Geduld liegt in dem Fasten. Er erinnert sich stets an die Empfehlung des Propheten (saw), der in solchen Situationen „Ich faste“ zu sagen pflegte. Während sich der Fastenden in sattem Zustand eher temperamentvoll und hastig reagiert, legt er nun Ruhe und Gelassenheit zu Tage.

 

Das Ego (Nafs) neigt zu geizhaftem Verhalten, was grosse Gefahren mit sich bringt. Großzügigkeit hingegen birgt die endlose Freiheit des Gebens in sich. Der Geiz des Egos ist sehr beständig und die Standhaftigkeit dem gegenüber erfordert große Geduld. Für den Fastenden ist das Geben einfacher. Dies ist die Wirkung des Fastens auf die Geduld.

 

Einer der Punkte, der das Leben des Gläubigen bedroht ist grenzenlose Sexualität. In einer Zeit, in der Unzucht (Zinâ) weitverbreitet ist, ist es notwendig auch hierbei Geduld zu üben. Der Fastende ist in solchen Situationen vorsichtiger. Auch hierbei ist Geduld sein wichtigster Antrieb. 

 

Das Resultat der Geduld ist Ausgewogenheit und Errettung. Am Abend, zur Zeit des Fastenbrechens überkommt ihn angesichts der Gaben eine grosse Freude. Diese Freude ist ein Geschenk für seine Geduld. Der erste Teil der frohen Botschaft des Propheten erfüllt sich mit dem Fastenbrechen, der zweite Teil wird sich mit der Belohnung für sein Fasten im Jenseits erfüllen. Dass die Geduld mit Ausgewogenheit und Errettung belohnt wird, wird wohl niemand besser verstehen als der Fastende.

 

Allah gebietet in der Sure Asr sich gegenseitig zur Geduld anzuhalten. [103:3] Damit die Geduld beständig ist, müssen sich Glaubensgeschwister gegenseitig daran erinnern. Sobald einer es vergisst und vernachlässigt, sollte die Erinnerung des anderen dazu beitragen, dass geduldiges Verhalten wieder Oberhand gewinnt. Fasten, insbesondere das Fasten im Ramadan, ist ein gemeinschaftlicher Gottesdienst. Auf sich allein gestellt ist es für den Menschen schwer, sich stets geduldig zu verhalten. In der Gemeinschaft ist es einfacher. Das gemeinsame Fasten ist das beste Beispiel für die Ausübung und Ermahnung zur Geduld.

 

Geduld erfordert einen starken Glauben (Îmân) und Willensstärke. Man muss Allah um diese Stärken bitten. Nachdem wir mit Glaube und Willensstärke den Zustand der Geduld erreicht haben, können wir mit Geduld und den Pflichtgebeten Allah in allen Situationen um Hilfe bitten. Im Ramadan nehmen die Gebete einen noch bedeutenderen Platz ein. Zusätzlich zu den täglichen fünf Gebeten kommt das Tarâwih-Gebet hinzu, was sich ebenfalls positiv auf die Geduld auswirkt.

 

Sabûr ist einer der 99 schönsten Namen Allahs (Asmâ al-Husnâ). Der Schöpfer selbst ist in seinem Wesen sehr geduldig. Er bestraft die Menschen, die der Vielgötterei (Schirk) oder dem Unglauben (Kufr) verfallen nicht unmittelbar, sondern wartet geduldig. Er wartet darauf, dass sie Reue (Tawba) zeigen und sich bessern und gibt ihnen eine Frist. Allah ist nicht voreilig.

 

Als Stütze für den Fastende empfiehlt Allah das Sahûr-Essen bis zum Morgengrauen. Schon in der Nacht sollte sich der Fastende auf die Schwierigkeiten, denen er am Tage konfrontiert wird, vorbereiten. Diese Möglichkeit bietet das Essen bis zum Morgengrauen. Sich die Eigenschaft Allahs anzueignen, sich geduldig zu zeigen, gehört ebenfalls zu den Tugenden, die das Fasten mit sich bringt. Menschen, die sich während des Essens in der Nacht stärken sind tagsüber geduldiger.

 

Einige Menschen, die sich Faulheit und Müßiggang fast schon zur Aufgabe gemacht haben, schrecken davor zurück, sich in Geduld zu üben. Sie wissen, dass Geduld Arbeit, Mühe, Fleiß und Ausdauer erfordert. Daher vermeiden sie meist diesen mühsamen Weg. Wenn diese Menschen einsehen würden, dass Geduld stärkt und Probleme aus dem Weg räumt, würden sie verstehen, welchen Fehler sie begehen, indem sie davor zurückschrecken.

 

Das Fasten ist ein Gottesdienst, der die Geduld des Menschen und somit auch seinen Glauben stärkt. Ein Mensch mit einem starken Glauben ist stets hoffnungsvoll. Wenn er bei den kleinsten Schwierigkeiten taumelt, muss er mit dem Fasten seinen Glauben stärken. Geduld und Glaube bringen sich gegenseitig hervor und vervollständigen sich.

 

Abschließend sollen einige Verse, Hadîthe und andere Worte bezüglich der Geduld genannt werden:

 

„Wer aber geduldig ist und verzeiht – das ist fürwahr die richtige Entschlossenheit.“ [42:43]

 

„Was bei euch ist, vergeht, und was bei Allah ist, besteht, und wahrlich, Wir werden den Standhaften ihren Lohn nach ihren besten Werken bemessen.“ [16:96]

 

„Die Standhaften werden ihren Lohn erhalten, ohne daß darüber abgerechnet wird.“ [39:10]

 

„Das sind jene, die mit den obersten Gemächern (des Paradieses) für ihre Standhaftigkeit belohnt werden und dort mit Willkommensgrüßen und im Frieden empfangen werden sollen.“ [25:75]

 

„Niemandem wurde eine bessere Belohnung gegeben als Geduld.“ (Buchârî, Rikâk, 20; Muslim, Zakât, 124; Tirmizî, Bir, 77; Abû Dâwûd, Zakât, 28; Nasâî, Zakât, 85)

 

„Die Geduld ist für den Glauben was der Kopf für den Körper ist. Genauso wie es keinen Körper ohne Kopf geben kann, kann es auch keinen Glauben ohne Geduld geben.“(Alî (ra))

 

„Geduld idt der Schlüssel der Errettung.“(Mevlana)

 

„Geduld ist bitter, seine Frucht aber süß.“(Sadi)

 

„Wenn du demgegenüber, das du nicht nicht magst, nicht geduldig bist, kannst du nicht das erhalten, dass du magst.“ (Îsâ (as))


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