Der Ramadan ist tief in der islamischen Kultur verwurzelt. In diesem Artikel soll dargestellt werden, welche Rolle der Ramadan im Leben eines Muslims, in der islamischen Kultur einnimmt. Ausgehend von dieser kurzen Beschreibung soll auf die Diskrepanz zwischen einem muslimischen und nichtmuslimischen Umfeld und den Folgen bezüglich der Ramadan-Traditionen aufmerksam gemacht werden. Nicht zuletzt ist es dieser Kontrast, der als Grund für die obige sehnsüchtige Beschreibung gelten kann, der aber – wie gezeigt wird – nicht ganz gerechtfertigt ist.
“Endlich ist der lang erwartete Monat gekommen. Der erste Tag ist der aufregendste. Andere Menschen auf der Straße - auch wildfremde - zu grüßen, ist unter den Muslimen in Bosnien selbstverständlich. Diese Begrüßungen werden jetzt zusätzlich mit Ramadansegenswünschen geschmückt. Das Lächeln, welches für die Muslime den Wert eines Almosens hat, bringt eine zusätzliche Begeisterung mit sich. In vielen Ecken trifft man auf Straßenverkäufer mit ihren täglich frischen Ramadan-Fladenbroten. Durch den wunderbaren Geruch wird man dazu angehalten, ein paar für das Iftaressen zu kaufen. Der Ramadan beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Iftarvorbereitungen und die Straßengespräche.”
Diese etwas nostalgisch erscheinende Beschreibung stammt von einem in Deutschland lebenden Muslim. Sie veranschaulicht die tiefe religiös-emotionale Verwurzelung des Ramadans in der islamischen Kultur, um die es in diesem Artikel geht. Es soll dargestellt werden, welche Rolle der Ramadan im Leben eines Muslims, in der islamischen Kultur einnimmt. Ausgehend von dieser kurzen Beschreibung soll auf die Diskrepanz zwischen einem muslimischen und nichtmuslimischen Umfeld und den Folgen bezüglich der Ramadan-Traditionen aufmerksam gemacht werden. Nicht zuletzt ist es dieser Kontrast, der als Grund für die obige sehnsüchtige Beschreibung gelten kann, der aber – wie gezeigt wird – nicht ganz gerechtfertigt ist.
Der Segen des Ramadans
Der Ramadan ist für die Muslime ein besonderer Monat. Folgende Hadithe machen dies deutlich: Auf die Frage des Abû Umâma, der nach einem Gottesdienst (Ibâda) fragte, für den ihn Allah reich belohne, antwortete der Gesandte Gottes: „Ich empfehle dir das Fasten, denn nichts gleicht ihm.” (Nasâî) Gemäß einem anderen Hadith kann das Fasten (Sawm oder Siyâm) die Vergebung aller Sünden bewirken: „Wer im Ramadan aus reinem Glauben und Anerkennung nur von Gott erwartend fastet, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.” (Buchârî)
Im Ramadan befindet sich die Kadr-Nacht, die – so der Koran – „besser als tausend Monate“ (Sure Kadr, [97:3]) ist und in der der Prophet die erste Offenbarung (Wahy) empfing. Deshalb gilt der Ramadan nicht nur als Monat des Fastens, sondern auch als der Monat des Korans und damit der großen Segnungen Gottes für die Menschheit.
Der Ramadan umfasst die gesamte Gesellschaft
Der Ramadan hat in der islamischen Kultur eine besondere, die gesamte Gesellschaft umfassende Wirkung. Deshalb wundert es nicht, dass die Fastenzeit und andere Bräuche des Ramadans wie das Tarâwih-Gebet, die täglichen gemeinsamen Koranlesungen (Mukâbala) in der Moschee und die erhöhte Spendenbereitschaft auch von solchen Muslimen beachtet werden, die bei der Befolgung anderer Gebote sonst eher nachlässig sind. Insbesondere für die muslimische Familie ist der Ramadan eine Zeit, in der sie stärker zusammenwächst. Durch die morgigen Sahûr-Essen und die abendlichen Iftar-Essen erhalten die Familienmitglieder die Gelegenheit, einen Gottesdienst gemeinsam zu begehen. Weiter werden Verwandte, Nachbarn und Freunde zu den Iftar-Essen eingeladen und somit die Atmosphäre der Nähe gefördert. Viele Familien laden fast jeden Abend Gäste zu sich ein. Diese Einladungen finden aber nicht nur innerhalb des familiären Kreises statt, auch viele Moscheegemeinden pflegen diesen Brauch als Teil der muslimischen Kultur.
Für Kinder hat die Zeit des Ramadans eine prägende Wirkung. Der Ramadan wird mit Aufregung erwartet, er schafft Gemeinschaft und erinnert an das Wesentliche im Jahreskreis. Viele Erwachsene erinnern sich gerne an den Tag, an dem sie zum ersten Mal einen ganzen Tag gefastet haben, nachdem sie es zuvor an einigen Tagen oder zu verkürzten Tageszeiten erprobt hatten. Jeder Abend ist ein Fest mit den Eltern, Nachbarn, Verwandten und Bekannten. Obwohl der Islam aus theologischer Sicht keinerlei Initiationsriten kennt, kann die Wirkung solcher Erfahrungen für das zukünftige Erwachsenenleben positiv prägend sein. Die Aufmerksamkeit, die die Glaubenden gegenüber hungernden und leidenden Menschen ganz selbstverständlich entfalten, rührt zu einem Großteil daher, dass sie bereits als junge Menschen den Wert von Nahrung und Versorgung erfahren haben. Die Eltern brauchen daher nicht verstärkt mit weiteren Erziehungsmethoden auf die sozialen Missstände in der Gesellschaft zu verweisen. Der Ramadan ist ein sehr wohlwollender Erzieher ohne viele Worte.
Im Ramadan wird mehr als gewöhnlich gebetet, besondere Bittgebete (Duâ) werden gesprochen. Der Koran wird möglichst einmal ganz gelesen. Koranlesungen während dieses Monats finden in allen Moscheen statt. Auf diese Weise versucht der Fastende, seine Beziehung zu Gott zu festigen, sein Gottesbewusstsein (Takwâ) zu stärken und seinen Charakter zu konditionieren. Dies kommt z. B. in einem Hadith zum Ausdruck: „Das Fasten ist ein Schutz. Ein Fastender soll nichts Schlechtes reden und sich nicht ärgern. Wenn den Fastenden jemand beschimpft oder mit ihm streitet, soll er antworten: „Ich faste!” (Buchârî)
Aufgrund dieser Bedeutung für Gesellschaft und Individuum und des großen Verdienstes des Fastens als Gottesdienst bemühen sich viele Muslime, das Fasten auch dann fortzuführen, wenn sie einen triftigen Grund hätten,
es auszusetzen.
Ramadan im nichtmuslimischen Kontext
Doch ob man persönlich nun fastet oder nicht, für einen etwa in Deutschland lebenden Muslim erscheint es nicht immer leicht, ja manchmal gar unmöglich, diese tief in der islamischen Kultur verwurzelten Ramadan-Traditionen auszuleben. Es besteht eine spürbare Diskrepanz zwischen dem traditionell muslimisch geprägten Umfeld etwa eines mehrheitlich muslimisch bevölkerten Landes und der Situation in einem mehrheitlich nichtmuslimischen Umfeld in Deutschland. Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene in einem mehrheitlich muslimischen Lebensumfeld erleben den Ramadan als Teil des alltäglichen Lebens, sie müssen sich nicht individuell darauf einstellen, sondern werden quasi automatisch von der Gesellschaft an das Fasten und den Ramadan herangeführt.
Diese für den Muslim urislamische, durch das Gebot des Fastens hervorgerufene Atmosphäre des Ramadans ist es, wonach sich der eingangs zitierte Muslim sehnt. So wie in einer Moschee der Mihrâb die Gebetsrichtung (Kibla) anzeigt, von der Minbar Gottes Botschaft erklärt, von dem Minarett zum Gebet gerufen, mit dem Tasbîh Allahs gedacht wird und die Kalligraphien und Ornamente an die Allgegenwärtigkeit Gottes erinnern, also alles auf Gott ausgerichtet ist, genauso möchte der Muslim auch, dass im Ramadan alles von dem Segen dieses Monats durchzogen ist.
Im europäischen Kontext ist es aber nicht immer leicht, einen Ausgleich zwischen persönlicher Religionspraxis und der säkularen Öffentlichkeit zu finden. Ob in der Schule, im Beruf oder im alltäglichen Leben, der fastende Muslim, der in Ramadan-Stimmung ist, wird diese Spannung deutlicher wahrnehmen können als sonst.
Alte Quelle – neue Tradition
In einer pluralistischen Gesellschaft lässt sich diese Spannung nur schwer vermeiden. Jedoch bedeutet das nicht, dass es Muslimen (oder Anhängern anderer Religionen) nicht möglich sei, ihre religiösen Traditionen weiterzuführen und neu auszurichten. Der religions- und kulturpluralistische Ansatz sieht dies sogar vor. Von daher ist es in diesem Kontext nicht immer nachvollziehbar, wenn sich Muslime der „alten Zeiten“ erinnern, die ihrer Meinung nach nie wieder zurückkehren können. Das mag zwar stimmen, doch muss gefragt werden, ob dies überhaupt wünschenswert ist. Denn aufgrund des zeitlichen und sozialen Wandels können sich Traditionen ändern, doch die Quelle, der sie entspringen, bleibt dieselbe.
Die Herausforderung ist es, die ersehnten Ramadan-Traditionen weiterzuführen, umzuwandeln oder neue zu etablieren. Bei der Etablierung neuer oder der Fortführung alter Ramadan-Traditionen, um somit etwa die Vorfreude der Kinder auf den Ramadan zu steigern, kommt der Moschee eine entscheidende Rolle zu. Auf den Propheten zurückgehende Traditionen wie beispielsweise die Mukâbala, das tägliche (gemeinschaftliche oder individuelle) Lesen des Korans, wieder „schmackhaft“ zu machen, hängt zum Teil von innovativen Ansätzen der einzelnen Moscheen ab.
Schließlich wohnt der Moschee als sichtbarer Ort der gelebten Religiosität eine besondere Funktion inne. Von ihr können Impulse ausgehen, um den Ramadan als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft noch stärker in das öffentliche Leben einzubringen. So wird das gemeinsame Iftaressen mit Verwandten und Freunden immer noch gepflegt und hat dadurch, dass auch Nichtmuslime eingeladen werden eine neue Bereicherungen erfahren.
Die jährlichen Iftareinladungen einzelner Religionsgemeinschaften zählen zu den gesamtgesellschaftlichen Höhepunkten des Monats. Auch die Iftarzelte genießen in diesem Zusammenhang immer mehr gesellschaftliche Resonanz.
Neben dem Fakt, dass man in einer pluralistischen Gesellschaft in der Lage sein muss, ein gewisses Maß an dem persönlichen Denken und Empfinden nicht entsprechendes Klima auszuhalten, steht den Muslimen als Individuen und Gemeinschaften also nichts im Weg. Von der reichen türkisch, arabisch, bosnisch, usw. geprägten islamischen Kultur ausgehend können sie ihre Traditionen weiterführen, neu beleben und damit an die Öffentlichkeit treten, um somit die gesamte Gesellschaft an dem Segen des Ramadans teilhaben zu lassen.
Am 3. Oktober 2011 findet der bundesweite "Tag der offenen Moschee" statt. Unsere Sonderseiten zum...
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Publikationen
Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur".





























