Wir alle erinnern uns sicherlich an Festtage, an denen unsere Eltern von den „alten“ Zeiten erzählten und sich nach der vergangenen Atmosphäre der Feste sehnten. In der Tat werden diese Feste nie wiederkehren!
Dies würde auch nicht der Natur der Sache entsprechen. Der Mensch und die Gesellschaft befinden sich in einem immerwährenden Wandel, dies schließt auch solche Feste mit ein. Vielleicht ist es aber auch ganz gut so, denn so können wir uns eben an die schönen Zeiten zurückerinnern. Inwiefern benötigen wir denn überhaupt die Atmosphäre der „alten“ Feste? Wenn wir uns nach diesen Zeiten sehnen, so bedeutet es eigentlich nur, dass wir den abhandengekommenen Geist dieser Feste neu beleben und in unsere neue sozio-kulturelle Situation „integrieren“ müssen.
Im eigentlichen Sinne „altern“ die Feste nicht, sondern wir lassen sie „altern“. Leider sind wir es selbst, die die „Traditionen“ der „Alten“, die den Festen eine „leichte Süße“ verleihen, diskreditieren. Konkret heißt das: Ist es denn nicht möglich, dass wir in unseren Taschen ein paar Süßigkeiten bzw. etwas Kleingeld tragen, um eventuell einem kleinen Kind, das uns zum Fest gratuliert, mit einem solchen Geschenk eine Freude zu bescheren? Sicherlich haben wir die nötigen Mittel sowie die Möglichkeit dazu. Also, wie können wir dann von „überholten Bräuchen“ sprechen?

Ist es nicht gerade der elementare Gedanke eines Festes, anderen eine Freude zu machen sowie die eigene Freude mit anderen zu teilen? Man mag sich an die eigene Kindheit erinnern: Wir alle waren doch am Vorabend der Feste in einer „euphorischen“ Stimmung und konnte es kaum abwarten. Schon am frühen Morgen ging man mit der ganzen Familie zusammen zum Friedhof, betete für alle Propheten sowie für alle anderen gottergebenen Menschen und hielt so die Erinnerung an diese Menschen aufrecht. Selbst wenn wir heute nicht immer die Möglichkeit haben, dies zu tun, so könnten wir doch wenigstens versuchen, diese spirituelle Atmosphäre ein Stück weit in unsere Häuser zu tragen. So können wir sagen, dass diese Skizzierung nicht die „trostlosen“ Feste, sondern unsere gegenwärtige geistige Situation beschreibt.
Es gibt zwei Dinge, die mir bei den Festen immer wieder positiv auffallen. Das Erste ist die zentrale Botschaft unseres Propheten: „Diejenigen, die sich länger als drei Tage meiden, sind nicht von uns.“ Dies dient zum einen dem warmen Miteinander der Muslime untereinander sowie eine Ermahnung zur gegenseitigen Barmherzigkeit. Der Zweite ist die gemeinschaftliche Andacht mit der Formel „Lâ hawla walâ kuwwata illâ billâhil alijjil azîm”, wodurch die Macht, Erhabenheit und Größe Allahs kundgetan wird. Diese kurze prägnante und doch aussagekräftige Formel hält unsere Erinnerung an unseren Herren lebendig. Wenn unser Lebensverständnis auf diesen Gedanken fußt, können wir auch darauf hoffen, unsere zukünftigen Feste wieder aufs Neue zu entdecken. So würde sich auch der Wunsch, an den „alten“ Festen festzuhalten, erledigen.
Wie wir alle wissen, hat unser Prophet Muhammad (saw) das Fasten an den Festtagen verboten. Nun sollten wir uns über die Weisheit, die dahinter steckt Gedanken machen. Man erinnere sich, wie Muhammad (saw) die gesamte Gemeinschaft, Jung und Alt, Mann und Frau, kurz nach dem Sonnenaufgang zum „Musallâ“ (wörtlich: Ort des Gebets) zusammenrief. Zu diesem Zweck wurde eigens ein Platz eingerichtet, der etwa 700 m von der Moschee in Medina entfernt war. Jeder wurde zu diesem Gebet eingeladen. Ja, wir können sogar mit großer Sicherheit sagen, dass diejenigen, die im hohen Alter waren und deshalb nicht mit beten konnten, trotzdem gerufen wurden, damit sie im Anschluss zusammen mit den anderen Gläubigen die Predigt hören sowie Bittgebete sprechen konnten. Aufgrund der Tatsache, dass der Platz relativ groß war, war es nicht immer sichergestellt, dass alle auch die Predigt verstehen konnten. Deshalb ging der Prophet nach seiner Predigt in die hinteren Reihen zu den Frauen und ergriff erneut das Wort, um so sicherzustellen, dass auch alle etwas verstanden hatten. Weiterhin hat Muhammad (saw) dafür Sorge getragen, dass die Gläubigen nach dem Gebet die Möglichkeit erhielten, sich gegenseitig zu umarmen und ihre Freude so mit allen Anwesenden zu teilen. Die junge muslimische Gemeinschaft bestand schon damals aus verschiedenen Ethnien, die ihre Eigenheiten des Feierns hatten. So haben beispielsweise die Äthiopier verschiedene Feierlichkeiten veranstaltet, an denen der Prophet zusammen mit seinen Gefährten teilnahm. Dieser Tag war der Tag, an dem die Gläubigen sich gemeinsam freuen und diese auch ausleben sollten. Haben wir denn in unserer heutigen Zeit nicht die Möglichkeit, zum Beispiel eine Halle zu mieten, wo alle zusammen Beten können und im Anschluss daran die Freude des Festes in der Gemeinschaft zu erleben? Geschenke, Vorführungen, Leckereien sind nur einige wenige Beispiele, die die Atmosphäre eines Festes erst entstehen lassen. Da wir es sind, die mit dem folgenden Vers angesprochen werden, müssen wir neue, praktische Wege finden, die unsere Zuneigung zu unseren Geschwistern festigt: „Die Gläubigen sind Brüder. Versöhnt eure Brüder miteinander und fürchtet Gott, auf dass Er euch in Seine Barmherzigkeit aufnimmt!“[49:10]
Wir verstehen es als eine Selbstverständlichkeit, unsere Freunde und Bekannten an den Festtagen zu besuchen und in unseren Häusern zu empfangen. Doch besteht ein Unterschied zwischen den anderen Tagen, an denen man Besuch empfängt oder jemanden einen Besuch abstattet. Die Emotionen, die zwischen den Menschen bestehen, werden um ein Vielfaches verstärkt und äußern sich nicht zuletzt durch Umarmungen oder durch das Küssen von den Händen unserer geliebten Mütter und Väter. Was geschieht mit uns an diesen Tagen? Das, was sich an diesen Tagen an Wandel unserer selbst vollzieht, ist nicht weniger als der Geist des Festes. Nichts anderes als dieser Geist war es, den die Gefährten des Gesandten Gottes spürten, als sie sich zum „Musalla“ begaben.
In der Türkei ist es immer noch ein weitverbreiteter Brauch, sich nach dem Gebet zu versammeln und sich gegenseitig zum Fest zu gratulieren. In den Städten ist dies zwar nicht ganz soweit verbreitet, dennoch gratulieren sich die Gläubigen im Anschluss an das Gebet mit großer Begeisterung. In der Menge blicken unsere Kinder verblüfft umher und gratulieren mit einem Handkuss den älteren Gemeindemitgliedern. So werden sie auch liebevoll beglückwünscht und bekommen meist auch schon ein kleines Präsent. Solche Ereignisse unterstützen die Jugendlichen bei ihrer Identitätsfindung.
Es ist für die kommenden Generationen unabdingbar, ihre eigenen Feste kennenzulernen und deren Geist weiter zu leben und zu erhalten. So haben wir die Pflicht, unseren Kindern den Geist dieser Feste authentisch zu vermitteln. In dem diesjährigen Fastenmonat Ramadan ermahnte der Vorsitzende des Amtes für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) die Muslime, ihre Kinder während den abendlichen Gebeten in den Moscheen spielen zu lassen. Dementsprechend sollten wir diese Botschaft auch umsetzen und unseren Kindern die Möglichkeit geben, die Feste, die Gebete und alles, was noch dazugehört, selbst zu erleben.
Vielleicht stellen sich Einige die Frage, wieso gerade kurz vor dem Ramadanfest bzw. sofort nach dem Opferfest (d.h. nach den Festgebeten), etwa die Fitr-Abgabe entrichtet wird oder die Opfertiere geschächtet und auch an die Bedürftigen verteilt werden sollen. Es ist ganz klar, dass sich nicht alle Gläubigen ein schönes Fest leisten können. So vergessen die anderen Gläubigen diese nicht und lassen ihnen etwa Geld, ein Geschenk oder etwas vom Fleisch der Opfertiere zukommen. Genauso wie es der Erhabene uns geboten hat. Unsere Aufgabe ist es nun, die Weisheit dieses Gebotes in die Praxis umzusetzen und dort wiederzufinden.
Ein gesegnetes Fest!
Am 3. Oktober 2011 findet der bundesweite "Tag der offenen Moschee" statt. Unsere Sonderseiten zum...
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Publikationen
Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur".





























