Von: Mustafa Yeneroğlu

Samstag 20. Juni 2009

Kommentar, Mustafa Yeneroğlu
Wider der Verdachtsrhetorik

Letzte Woche berichtete die Augsburger Allgemeine[1] (02.06.2009) unter der Überschrift „Moschee in Schwaighofen im Visier“ von einem Kontrolltrupp des Landratsamtes Neu-Ulm in einer Moschee in Schwaighofen.

Das Jugendamt sei bei der Aktion am Mittwoch Hinweisen nachgegangen, wonach in den muslimischen Gebetsräumen des Gebäudes ein illegales Schülerwohnheim betrieben würde.  Viele Fragen seien ungelöst. Nicht nur Nachbarn hätten dort immer wieder Kinder beobachtet. Mit Unterstützung einer Juristin habe auch der Jugendamtschef die Räume kontrollieren lassen. Man könne nicht sagen, ob der "Verein für Integration, Kultur und Bildung" (VIKB) seinem im Namen genannten Ziel der Integration von türkischen Kindern und Jugendlichen tatsächlich nachkomme. Es seien aber erhebliche Zweifel da, ob die Integration ausländischer Mitbürger in die deutsche Gesellschaft tatsächlich das Ziel der Betreiber ist. Sicher sei, dass die Moschee künftig in regelmäßigen Abständen unangemeldeten Besuch von den Kontrolleuren des Landratsamtes bekommen werde. "Wir werden auch außerhalb der Ferienzeit nachschauen, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht", so der Jugendamtschef.

 

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Vor einigen Tagen berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger[2] (10.06.2009) unter der Überschrift „Islamisten als Schulträger?“, dass Kölner Politiker einem privaten Gymnasium, das vornehmlich von Kindern türkischer Einwanderer besucht werde, die Erweiterung verweigerten. Grund sei, dass der Trägerverein der weltweiten Bewegung des „“ Fethullah Gülen zugerechnet werde. Einen Teil der Skepsis, die ihm entgegen schlägt, habe der Verein selbst verschuldet. Die zurückhaltende Strategie des vorsichtigen Vereinschefs habe das Bild von einer Islam-Sekte, die ihr wahres Gesicht verberge, verstärkt.

 

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Diese beiden aktuellen Nachrichten sind symptomatisch für die Diskussion um die Muslime in Deutschland. Eine Vielzahl weiterer Beispiele könnte hinzugefügt werden. Zum einen zeigen sie auf, welch großer (Rechtfertigungs-) Druck auf die Muslime in Deutschland ausgeübt wird. Zum anderen zeigen sie aber auch, wie auf Seiten der Muslime mit dem Druck umgegangen wird. Im ersten Beispiel sind es Jugendämter, die meinen, einer großen Gefahr auf die Schliche gekommen zu sein, weil in den Moscheen junge Menschen religiös unterwiesen werden (ob das denn der Integration diene?!?) und Islamische Religionsgemeinschaften, die ihren Vereinsnamen ändern und Begriffe wie „Integration“ in diese aufnehmen, in der Hoffnung, dadurch unverdächtiger zu erscheinen. Im zweiten Beispiel sind es manche Politiker, die einen Verein, welcher zum Wohle der Gesellschaft selbstlos Bildung fördert, nicht nur behindern, sondern auch noch als Gefahr betrachten, und die Reaktion des Vereinsverantwortlichen, sich in die Defensive zu begeben.

 

 

Man mag darüber streiten, wie dem Druck am besten begegnet werden kann, man sollte aber nicht nur ausgehend von diesen Beispielen erkennen, dass eine defensive Haltung vor allem den Verdachtsrhetorikern dient. Denn je mehr man sich in die Defensive begibt, umso stärker fördert man unbewusst die Verdachtsrhetorik. Man gerät in Widersprüche und nährt die Skepsis. Es ist ein Teufelskreis, aus der man schwerlich wieder rauskommt.

 

Was sind die Erkenntnisse daraus:

  1. Wenn man sich solche Namen gibt, die einen islamisch-religiösen Bezug haben könnten oder solche Tätigkeiten aufweist, macht man sich verdächtig.
  2. Will man gerade keinen Verdacht auf sich ziehen und wählt deshalb unverdächtige Namen, obwohl man inhaltlich auch einen religiösen Bezug hat oder aufgrund einer religiösen Motivation handelt, macht man sich auch verdächtig.
  3. Tut man beides nicht, also handelt völlig unverdächtig, nährt dies erst Recht den Verdacht, sofern unter den Handelnden praktizierende Muslime sind.

 

Was wäre also zu tun? Mit seiner Identität offensiv und selbstbewusst für eine offene, demokratische und pluralistische Gesellschaftsordnung eintreten!

 



[1] Augsburger Allgemeine vom 02.06.2009, http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Startseite/Artikel,-Moschee-in-Schwaighofen-im-Visier-_arid,1633761_regid,2_puid,2_pageid,4288.html
[2] Kölner Stadt-Anzeiger vom 10.06.2009, http://www.ksta.de/html/artikel/1242833518325.shtml


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