andalusien messe

 

Montag 12. Oktober 2009

Kommentar, Ekrem Şenol
Die sarrazinsche Debattenkultur

Thilo Sarrazin habe eine Debatte über Tabuthemen ausgelöst, eine Diskussion über die feige deutsche Debattenkultur, heißt es gut eine Woche nach Erscheinen seines Interviews. Er habe mutig ausgesprochen, was viele sowieso dachten und wussten. Er habe – zugegeben – zwar zugespitzt und pauschalisiert, so seine Befürworter, doch müsse man seine Worte differenziert und im Gesamtkontext betrachten.

Ja, er hat eine Debatte ausgelöst und ja, er war mutig. Ist die Debatte aber, die er ausgelöst hat, wünschens- und erstrebenswert? Und vor allem: wem nutzt es und wem schadet sie?

 

Bereits jetzt ist abzusehen, dass dank Sarrazin Zuspitzungen und Pauschalisierungen um ein Stück weit hoffähiger geworden ist. Dank Sarrazin muss man sich nicht mehr dreimal umschauen, wenn man über integrationsunwillige und –unfähige „neue Kopftuchmädchen“ spricht, die in die Welt gesetzt werden, um Deutschland zu erobern, die vom Staat leben und diese zu allem Überdruss auch noch ablehnen. Wer lediglich sagt: „Sarrazin hat doch recht“, braucht sich nicht einmal mehr zu vergewissern, dass er unbeobachtet ist. In der Bahn, beim Einkaufen und vor allem am Arbeitsplatz und in der Schule.

 

Und da wären wir auch schon beim Nutzen und Schaden der sarrazinschen Debattenkultur angelangt. Nicht alle einheimischen Nachbarn, Lehrer und Arbeitgeber haben schon immer wie Sarrazin gedacht. Und ganz sicher sind nicht bis zu 90 % der Türken und Araber so, wie Sarrazin versucht, es uns nahezulegen.

 

Wir wissen, dass türkischstämmige Akademiker immer häufiger mit dem Gedanken spielen, in die Türkei auszuwandern, weil sie trotz guter Ausbildung und Hochschulabschluss auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden und weil sie sich bei gleichen Leistungen zehn Mal häufiger um eine Stelle bewerben müssen als die deutsche Konkurrenz, um zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Wir wissen auch, dass Kinder aus sozial schwachen Familien bei gleichen schulischen Leistungen seltener eine Empfehlung für ein Gymnasium bekommen als Kinder aus gut betuchten Familien. Leider trifft dieser Umstand überdurchschnittlich Türken und Araber bzw. muslimische Kinder. Und wir wissen auch, dass Wohnungsinteressenten mit ausländisch klingenden Namen aus den großstädtischen Brennpunkten nur schwer herauskommen, selbst wenn sie sich damit eine bessere Schule in der näheren Umgebung für ihre Kinder erhoffen. Wir wissen, dass sozial schwache es ungleich schwerer haben und ein guter Wille allein nicht ausreicht.

 

Sicherlich. Nicht alle Türken und Araber haben einen Hochschulabschluss oder gute Schulnoten und wollen ihrer Kinder wegen raus aus den sozialen Brennpunkten. Doch es gibt sie.

 

Schauen wir uns den einheimischen Arbeitgeber, die Lehrerin oder den Wohnungseigentümer an, ergibt sich ein ähnliches Bild. Wir wissen, dass die ausländische Herkunft nicht für alle Arbeitgeber ein KO-Kriterium ist. Ein ähnliches Bild auch unter Lehrern: Wir wissen, dass nicht alle eine Empfehlung für das Gymnasium vom sozialen Status der Eltern abhängig machen. Und wir wissen auch, dass es Vermieter gibt, die keine Vorbehalte gegenüber Türken und Araber haben. Nichts Neues also; das alles wissen wir bereits.

 

Öffentliche Debatten sind meinungsbildend und prägend zugleich für die Gesellschaft. Sie verfestigen bereits vorhandene Vorstellungen, lassen sie entstehen oder ändern sie. Wenn Sarrazin 70 % der Türken und 90 % der Araber über einen Kamm schert, ihnen Integrationsunwilligkeit und -unfähigkeit unterstellt, die nur darauf aus sind, Deutschland durch eine höhere Geburtenrate zu erobern mit „neuen Kopftuchmädchen“, so ist auch dies geeignet, das Meinungsbild der Gesellschaft zu prägen. Immerhin kommt das von einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank!

 

Im Ergebnis werden sich noch mehr Arbeitgeber, Lehrer und Vermieter am Namen der Bewerber oder am sozialen Status orientieren, um auch ja niemanden zu unterstützen, einzustellen oder vorzuziehen, der unwillig und unfähig ist und Eroberungspläne schmiedet. Wenn bis zu 90 % der Türken und Araber bedrohlich sind, wäre die Trefferquote und damit auch das Risiko viel zu hoch, um ein Wagnis einzugehen.
So werden Türken und Araber weitere Steine auf den ohnehin holprigen Weg gelegt. Die sarrazinschen Flöhe im Ohr von Arbeitgebern, Lehrern und Vermietern, die eine Entscheidung zwischen den Bewerbern Yusuf und Josef treffen müssen, werden fleißig ins Ohr flüstern, wenn die Auswahl getroffen werden muss. Josef statt Yusuf wird bevorzugt werden.

 

“Manche Bevölkerungsteile” werden eher auf staatliche Mittel angewiesen sein, werden dort wohnen müssen, was für sie noch bezahlbar ist und ihre Kinder werden eine Schule in der Nähe besuchen, aus der nur wenige Gymnasiasten hervorgehen. Und der nächste Sarrazin wird Yusuf und seinen Kindern Integrationsunwilligkeit und -unfähigkeit vorwerfen. Die Flöhe im Ohr werden sich mehren. Die sarrazinsche Debattenkultur wird die Gesellschaft in einen immer tieferen Teufelskreis treiben.

 

Daher ist die sarrazinsche Debattenkultur kontraproduktiv, weder wünschens- noch erstrebenswert. Es hat keinen Nutzen und schadet der Gesamtgesellschaft. Probleme beim Namen nennen? Ja, definitiv. Aber bitte konstruktiv. Den Teufelskreis haben wir bereits. Es gibt integrationsunwillige Türken und Araber. Gibt es die aber wirklich nur in „manchen Bevölkerungsteilen“? Wie hoch ist wohl der Anteil derer, denen Sarrazin auch die Integrationsfähigkeit abspricht? Sind wirklich bis zu 90 % der Türken und Araber wirtschaftlich betrachtet nutzlos? Und was bitte hat das Kopftuch mit ökonomischen Faktoren zu tun? Müsste es einem Banker nicht egal sein, ob eine Frau Kopftuch trägt, wenn sie ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten kann und für eine gute Ausbildung ihrer Kinder sorgt?

 

In diesem Zusammenhang spielt ein Rücktritt bzw. „zurückgetreten werden“ Sarrazins eine entscheidende Rolle. Es wäre ein Warnsignal an alle ähnlich denkenden Geister. Davon würde abhängen, ob sich die sarrazinsche Art zu diskutieren durchsetzt.

 

Nehmen die Verantwortlichen Sarrazins Schelte hin – die keine Entgleisungen sind, sondern trotz Protesten des Vorsitzenden der Deutschen Bundesbank veröffentlicht wurden, werden sie sich Derartiges auch künftig anhören müssen und legen heute den Grundstein dafür.

 

Sollte Sarrazin mit einem blauen Auge davon kommen, kann sich in Zukunft kein Verantwortlicher mehr erbost, empört oder überrascht zeigen, wenn ähnliche Stimmen laut werden. Es wäre nicht glaubhaft. Denn bisher sind wir Derartiges nur aus dem rechten und islamophoben Lager gewohnt, die zu Recht nicht nur keine Akzeptanz und kein Gehör finden, sondern möglichst auch von öffentlichen Ämtern ferngehalten werden. Wieso sonst warnt man insbesondere vor den Wahlen vor der NPD? Nicht, weil man um die eigenen Sitze in den Parlamenten bangt, sondern weil deren Hetze grundsätzlich inakzeptabel ist, oder? Es liegt an den Verantwortlichen, dieses „oder?“ aus der Welt zu schaffen.


Am 3. Oktober 2011 findet der bundesweite "Tag der offenen Moschee" statt. Unsere Sonderseiten zum...

Nach einer ersten erfolgreichen Spendenaktion hat sich der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft...

Angesichts der humanitären Notlage in Somalia hat der IGMG-Vorstand beschlossen, eine Spendenaktion...

Pierre Vogel tritt in Hamburg auf, liest man in der Welt-Zeitung. Vielleicht ein Schaukampf des...

Am 12. Juni hat die Türkei gewählt. Das Ergebnis der seit acht Jahren regierenden AKP (Partei für...

Während man einerseits immer noch die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland diskutiert, wird auf...

Der Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG), Kemal Ergün, besuchte gemeinsam...

Unter der Federführung von Adnan Sağlam, Leiter der IGMG-Abteilung für Soziale Dienste des...

Stuttgart lud anlässlich der 50-jährigen Einwanderung nach Deutschland ein. An der Veranstaltung...

Der Koran ist das Buch, welches dem Propheten Muhammad (saw) über 23 Jahre hinweg herabgesandt...

Dschâhiz war ein vielschichtiger Gelehrter des 8. und 9. Jahrhunderts. Er lebte und wirkte in der...

Das Islamische Recht (Fikh) hat eine lange Entwicklung hinter sich. Es kennt heute verschiedene...

Diskriminierung

Keine Nachrichten in dieser Ansicht.

Publikationen

Hier können Sie auszugsweise einen Blick in "Die Lehre des Islam" von Prof. Dr. Muhammed Hamidullah werfen. Das vorliegende Buch beinhaltet zwei Abschnitte von Prof. Hamidullahs Werk „Der Islam – Geschichte,Religion, Kultur". 

Bestellung

Öffnet internen Link im aktuellen FensterWeitere Publikationen


Startseite Suchen Impressum Intranet Sitemap Bildergalerie