Samstag 21. November 2009

Deutschland
Studie: Wertvorstellungen von Deutschen, Deutsch-Türken und Türken

Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Info und Liljeberg Research gibt Aufschluss über die Wertvorstellungen von Deutschen, Deutsch-Türken und Türken. Während in vielen Bereichen Gemeinsamkeiten festgestellt wurden, überwiegen die Differenzen unter anderem in Bezug auf Religion und Rollenverständnis in der Familie. Auffällig ist zudem, dass 45 Prozent der Türken in Deutschland sich unerwünscht fühlen.

Befragt wurden insgesamt 1000 Personen – jeweils ein Drittel davon Deutsche, Türken in der Türkei und in Deutschland lebende Türken. Insgesamt leben hier 2,7 Millionen türkischstämmige Migranten, 30 Prozent davon mit deutschem Pass.

 

Deutschland und Heimat

 

Aus der Studie geht hervor, dass lediglich 21 Prozent der Befragten Deutschland als Heimat empfinden. Weitere 38 Prozent empfinden Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat und 37 Prozent eher die Türkei. Vor diesem Hintergrund planen immerhin 42 Prozent eine Rückkehr in die Türkei, wobei junge Leute insgesamt häufiger „zurück“ wollen als ältere.

 

Dennoch ist die überwiegende Mehrheit der Türken in Deutschland nach wie vor davon überzeugt, dass es richtig war, nach Deutschland zu kommen und dass es in diesem weltoffenen Land jeder unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann. Für 85 Prozent ist klar, dass dabei nur die deutsche Sprache zum Erfolg führen kann.

 

Gleichzeitig meinen 82 Prozent auch, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen sollte. „Für das Empfinden eines Lebens zwischen den Welten und ein durchaus problematisches Verhältnis der Aufnahmegesellschaft zum Thema Integration spricht z.B. die Tatsache, dass sich 62 Prozent der Befragten in Deutschland als Türke und in der Türkei als Deutscher fühlen“, so die Studie.

 

45 Prozent fühlen sich in Deutschland unerwünscht, nur 54 Prozent glauben, dass Deutsche und Türken in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben und lediglich 53 Prozent möchten ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören. Weniger als die Hälfte fühlen sich in Deutschland genauso akzeptiert wie ein Deutscher. Allerdings verbringt nur jeder vierte nahezu täglich und ca. 60 Prozent mindestens einmal pro Woche seine Freizeit mit Deutschen.

 

Auf der anderen Seite meinen 93 Prozent, dass sie ihre türkische Kultur bewahren müssten, wobei dies für sie nicht im Widerspruch zur gewünschten Akzeptanz in der deutschen Mehrheitsgesellschaft steht. Vielmehr sind 83 Prozent der Meinung, dass man gleichzeitig ein guter Deutscher und ein guter Moslem sein kann.

 

Man habe es mit einer Gruppe von Menschen zu tun, so die Studienautoren, die fest zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln und den türkischen Wertewelten steht und auch nicht bereit ist, grundsätzlich davon abzulassen. Jeder Druck in dieser Hinsicht führe „offenbar zu entsprechenden Gegenreaktionen und eher Desintegration“.

 

„Das öffentliche Meinungsbild geht aber immer mehr genau in diese Richtung: Es wird „Integration“ verlangt, aber Assimilation ist gemeint. Eine Assimilation ist aber innerhalb der nächsten Generationen nicht zu erwarten, da die starke Familieneinbindung und auch die Kontakte ins „Mutterland“ so stark und vielfältig sind, dass sich kulturelle und religiöse Überzeugungen und Wertestrukturen immer wieder reproduzieren“, so die Autoren weiter.

 

Sprache

 

Der Befragung zufolge beurteilen 58 Prozent der befragten Türken in Deutschland ihre deutschen Sprachkenntnisse als sehr gut oder gut (78 Prozent der unter 30-jährigen) und 35 Prozent meinen, besser Deutsch als Türkisch zu sprechen. Dennoch sprechen lediglich 16 Prozent zu Hause überwiegend Deutsch.

 

Die nach wie vor bestehenden sprachlichen Schwierigkeiten sind laut den Autoren der Studie durch die türkische Familiensprache und die lange ausschließliche Erziehung der Kinder außerhalb öffentlicher Kindereinrichtungen gefördert worden. „Es hat sich hier mehr oder weniger bereits eine ‚Pidginsprache‘ entwickelt – ein Gemisch aus deutscher und türkischer Sprache mit jeweils begrenztem Wortschatz“, so die Autoren. Dies werde sich wohl in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Die Sprachschwierigkeiten würden aber nahezu automatisch zu Problemen im Sozialisationsprozess und zu Problemen im Bildungsbereich führen.

 

Allgemeine Wertvorstellungen

 

Nahezu gleiche Ansichten zwischen den drei untersuchten Gruppen gibt es bei so grundlegenden Werten wie Freundschaft, Freiheit, Liebe, familiärer Zusammenhalt, Entwicklung von Phantasie und Kreativität.

Diese Werte sind jeweils fast allen Befragten wichtig, unabhängig von der Herkunft. Das gleiche Bild findet sich bei den auch grundrechtlich geschützten Werten wie Respekt gegenüber dem menschlichen Leben, anderen Religionen und Kulturen, Frieden, Demokratie, Solidarität, Respektierung von Gesetz und Ordnung, Gerechtigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung und Rechtsstaatlichkeit, die jeweils um 90 Prozent aller Befragten als wichtig beurteilen. Interessant ist hier, dass politisches Engagement nur von 39 Prozent der Deutschen, aber von 50 Prozent der Türken in Deutschland als wichtig bewertet wird.

 

Gravierende Unterschiede gibt es hingegen bei anderen Werten: Für 89 Prozent der Türken in Deutschland und 98 Prozent der Türken in der Türkei ist es wichtig, an Gott zu glauben, von den Deutschen sagen dies nur 51 Prozent. Tradition finden 65 Prozent der Deutschen wichtig, aber 83 Prozent der Türken in Deutschland und 90 Prozent der Türken in der Türkei.

 

Vertrauen in Behörden und Unternehmen

 

Die Deutschen vertrauen am meisten der deutschen Polizei (79 Prozent), deutschen Schulen und Universitäten (69 Prozent) und der deutschen Justiz (68 Prozent), am wenigsten den Parteien (18 Prozent) und deutschen Großkonzernen (26 Prozent).

 

Bei den Türken in Deutschland ist lediglich das Vertrauen in die Polizei (64 Prozent) und in die Bundeswehr (46 Prozent) etwas geringer als bei den Deutschen, ansonsten haben sie laut Studie ein deutlich stärkeres Vertrauen in deutsche Institutionen als die Deutschen selbst.

 

Rollenverständnis und Familie

 

Dramatische Unterschiede finden sich zwischen Deutschen und Türken hinsichtlich des Rollenverständnisses in der Familie und der sexuellen Freiheit. So meinen 9 Prozent der Deutschen, aber 32 Prozent der Türken in Deutschland und 52 Prozent der Türken in der Türkei, dass Kindererziehung Frauensache sei. 15, 57 und 67 Prozent ist die Aufteilung der drei Gruppen bei der Auffassung, dass berufstätige Frauen ihre Kinder vernachlässigen und 18, 41 und 62 Prozent, dass vor allem der Mann die Familie nach außen repräsentiert.

 

Ein Zusammenleben von Mann und Frau vor der Ehe lehnen 8 Prozent der Deutschen, aber 47 Prozent der Türken in Deutschland und 67 Prozent der Türken in der Türkei ab; beim vorehelichen Sex der Frau ist die Aufteilung 7, 56 und 84 Prozent. Die Jungfräulichkeit der Frau empfinden 6 Prozent der Deutschen, aber 48 Prozent der Türken in Deutschland und 72 Prozent der Türken in der Türkei als Grundvoraussetzung für eine Eheschließung.


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