Freitag 26. Februar 2010

Islam, Kultur
Ein Symbol unserer Kultur: Das Mawlîd-Gedicht des Süleyman Çelebi

Der Begriff „Mawlîd“ bedeutet Geburt, Geburtsort und –zeit. Literarisch bezeichnet der Begriff hauptsächlich Werke, die sich mit der Geburt des Propheten Muhammad (saw), seinem Leben, Verhalten, Aussehen, seinen Wundern bis hin zu seinem Tod beschäftigen. Viele dieser Werke wurden mit der Absicht verschriftlicht, diese auf Feiern anlässlich der Geburt des Propheten Muhammad (saw) gemeinsam lesen zu können.

In Mawlîd-Gedichten werden oft Themen bezüglich der Geburt des Propheten, sein Aufstieg in das Himmelreich (Mirâdsch) und sein Tod behandelt. Diese religiösen Schriften sind in einer einfachen Sprache abgefasst und an den einfachen Menschen gerichtet. In der türkischen Kultur tragen Mawlî-Gedichte eine besondere Bedeutung. Außer den in arabischer Sprache verfassten Mawlîd-Gedichten wurden auch Schriften in persischer, albanischer, kurdischer, bosnischer, tscherkesischer, und tartarischer Sprache, sowie auf Urdu und Swahili verfasst. In der iranischen Literatur wird dieser Textgattung keine gesonderte Beachtung geschenkt. Die ersten Feierlichkeiten anlässlich der Geburt Muhammads (saw) fanden im 10.-11. Jahrhundert, zur Zeit der Fatimiden (910-1171) statt. Teilnehmen konnten ausschließlich der Herrscher und die höhere Gesellschaft des Hofes. Der erste Mawlîd, an dem jeder teilnehmen konnte, fand erstmalig 1207 in Erbil, zur Zeit des Seldschuken Atabek Abû Saîd Muzaffaruddîn Gökbörü (1233), statt. Diese Mawlîd-Veranstaltung leitete die darauffolgende Art der Festlichkeiten anlässlich der Geburt des Gesandten Gottes ein.    

 

Der Anfang der Mawlîd-Veranstaltungen

Im Osmanischen Reich fand die erste offizielle Mawlîd-Feier zur Zeit Murâd III., 1588 statt. Auf die Mawlîdsche Textgattung wurde in der türkischen Literatur besonders viel Wert gelegt. Der hauptsächliche Grund dafür liegt an dem ersten türkischen Mawlîd-Text Vesîletü’n-Necât um 1409 von Süleyman Çelebi, der besonders beliebt war und gleichzeitig zur Ursache seiner Befreiung wurde. Das Mawlîd-Gedicht des Süleyman Çelebi ist in einer ausdrücklich einfachen und eindrucksvollen Sprache geschrieben. Dies führte dazu, dass daraufhin auch viele andere Mawlîd-Texte geschrieben wurden, allerdings schaffte es keiner Çelebi das Wasser zu reichen. In der türkischen Literatur sind mehr als 200 Mawlîd-Gedichte und ähnliche Texte zu finden. Die umfassendste Arbeit über die Mawlîd-Tradition stammt von einer der ersten Akademikerinnen der Türkei, Prof. Dr. Necla Pekolcay (1925-2008). Diese Arbeit beinhaltete Mawlîd-Texte von 63 Poeten, die nach alphabetischer Reihenfolge geordnet wurden.[1] Es gibt aber auch andere Mawlîd-Texte, die in ihrer Arbeit allerdings keinen Platz fanden.[2]

 

Weshalb Mawlîd?

Der Antrieb solche Mawlîd-Texte zu verfassen, ist die Hoffnung auf die Fürbitte des Siegels der Propheten“, Muhammad (saw). Nach seinem Tod ein religiöses Werk zurückgelassen zu haben, in stets guter Erinnerung zu bleiben und die Hoffnung auf das Paradies (Dschanna) könnten ebenfalls Beweggründe für das Schreiben eines solchen Werkes sein. Es gibt noch viel mehr nennenswerte Gründe, aber welchen hatte wohl Süleyman Çelebi?

 

Wie bereits erwähnt, ist die bekannteste Mawlîd-Form, die des Süleyman Çelebi. Quellen berichten, dass dieser Mawlîd-Text folgendermaßen entstand: Während seiner Zeit als Imâm in der türkischen Stadt Bursa interpretierte ein iranischer Prediger in der Moschee den 285. Vers der Sure Bakara. In seiner Ansprache sagte er demnach, dass Gott keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten macht und demnach Muhammad (saw) und Jesus (as) die gleiche Stellung hätten. Dies missfiel Süleyman Çelebi und als Antwort darauf schrieb er sein Mawlîd-Gedicht.

 

Der Inhalt des Mawlîd

Der gesamte Inhalt des Mawlîd-Gedichts behandelt die Allmacht Gottes und den vollkommenen Charakter des Propheten Muhammad (saw). Ein solcher Text drückt die unvergleichliche Liebe zum Propheten aus. Çelebis Werk macht eine besonders deutliche Sehnsucht zum Gesandten Gottes erkenntlich.

 

Çelebi beginnt sein Werk mit dem Namen Gottes und berichtet, dass alle Propheten von Adam (as) bis Muhammad (saw) ein ganz besonderes Licht im Gesicht trugen. Besonders genau beschreibt Çelebi die Geburt des Propheten und geht dabei auf alles ein, was dessen Mutter bei der Geburt hörte, sah und mit welcher Freude seine Geburt erwartet wurde. Danach behandelt er das Prophetentum Muhammads (saw) und seine Himmelfahrt (Mirâdsch). Beendet wird sein Mawlîd-Gedicht mit der Beschreibung des Todes des Gesandten Gottes und einem Bittgebet, die er jeweils in tiefer Trauer verfasst hat. Er schreibt, dass Muhammad (saw) der Grund für das Entstehen aller anderen Wesen ist und allen Propheten übergestellt ist. Dafür lobpreist er Gott.

 

Çelebis Werk birgt in sich gut überlegte Gedanken und ist harmonisch abgerundet. Süleyman Çelebi hat für vollkommen aufeinander abgestimmte Verse, ganz besondere Sorgfalt an den Tag gelegt. Das ist auch der Grund, weshalb selbst die besten Dichter zu ihm aufschauten. Beispielsweise schrieb Ziyâ Pasa, ein bekannter Dichter gegen Ende des Osmanischen Reiches:

 

Welch Worte, die den Hörenden sich selbst vergessen lassen. Seit vierhundert Jahren hat niemand ähnliches verfasst.

 

Im Mawlîd-Gedicht sind die Passagen, die von Ereignissen und Gedanken handeln, sehr einfach und bescheiden gehalten. In dieser Textgattung stößt man auf alle möglichen Sprachelemente und - formen. Vor allem werden aber Wortspiele, Vergleiche und Wiederholungen verwendet. Die Achtsamkeit auf die Harmonie jedes einzelnen Verses, lässt das Gesamtwerk erst zu dem werden, was es ist. Der Mawlîd-Text lässt Lyrik und Didaktik in Gedichtform ineinanderlaufen. Dadurch erscheint der Text weder trocken, noch überlaufend an Leidenschaft. Besonders ist auch, dass der Text an sich sehr einfach erscheint, doch Nachahmungsversuche beweisen das Gegenteil.

 

Das Dasein einer solchen literarischen Gattung ist für viele Muslime eine besondere Art der Erinnerung an den Propheten Muhammad (saw).

Sie veranlasst den Muslim erneut über die Sunna des Gesandten Gottes und über seine Stellung im eigenen Leben nachzudenken. Die Wirkung, die die Mawlîd-Tradition selbst noch nach Jahrhunderten immernoch auf viele Gläubige hat, ist auch aus religionssoziologischer und kulturgeschichtlicher Perspektive interessant.

 

 

(Aus dem Türkischen übersetzt von Sebahat Köse)


[1]Vgl. Pekolcay, Necla, Süleyman Çelebi, Mevlid (Vesîletü’n-necât), Istanbul 1980, S. 45-48

 

[2]Für weitergehende Informationen zum Thema „Mawlîd” siehe Necla Pekolcay, Ebd., S. 17-48

 


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