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Mittwoch 24. Juni 2009

Deutschland
Rolf Verleger: Es besteht Unverständnis über meine Beurteilung der Politik Israels

Der Zentralrat der Juden in Deutschland entzog Prof. Dr. Rolf Verleger, Delegierter im Direktorium des Zentralrats der Juden, im Juni das Mandat. In einem Interview mit der Zeitung Neues Deutschland spricht Verleger über die Hintergründe, das Judentum und Obamas Nahost-Politik.

Rolf Verlegers Beurteilung der Politik Israels habe schon seit langem Unverständnis und Unmut im Zentralrat der Juden hervorgerufen. „Die Leute sehen nicht das große Unrecht, das Israel den Palästinensern seit mehr als 60 Jahren antut.“, sagte Rolf Verleger. Ausschlaggebend für den Rauswurf sei schließlich sein Vortrag Ende Mai beim Jahrestreffen der Muslimischen Jugend Deutschlands gewesen. Dass im Zentralrat daran Anstoß genommen wurde, liegt ihm zufolge an der Abschottungs-Mentalität des Zentralrats der Juden. „Die Zentralratsspitze tendiert leider durch ihre Unterstützung der israelischen Besatzungspolitik dazu, die jüdische Gemeinschaft gegenüber anderen Minderheiten abzuschotten – anders als unter Ignatz Bubis. Dadurch verliert sie an wichtigem gesellschaftlichen Rückhalt.“, kommentierte der 57-jährige Psychologe.  

 

Auf die Frage: „Standen Sie mit Ihrer Kritik an der Kriegs- und Besatzungspolitik Israels und mit Ihrem Engagement für einen gerechten Frieden im Nahen Osten innerhalb des Zentralrats der Juden völlig allein da?“ entgegnete Rolf Verleger: „Nein. Ich traue mich nur, diese Dinge auszusprechen.“

 

Ferner bezeichnete Verleger die Kritik des Generalsekretärs des Zentralrats, Stephan J. Kramer, an Barack Obamas Nahost-Politik als „die Folge des Auslöschens jüdischer Kultur durch die Nazis“. „Dieses schwarze Loch wird nun durch »neue Leute« aufgefüllt, und die stellen sich halt unter Judentum etwas anderes vor als meine Großeltern.“, bewertete Verleger die Haltung des Zentralrats. Bezüglich Obamas Nahost-Politik hatte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, seine Befürchtung ausgesprochen, dass der US-Präsident Israels Premier Netanjahu „wegen der Siedlungspolitik weiter einseitig in die Enge treiben“ könnte.

 

Das Verständnis vom Judentum habe sich sehr gewandelt. Während das Judentum zu der Zeit seiner Großeltern von den humanistischen Werten wie sie in Lessings „Nathan der Weise“ gelehrt werden, geprägt gewesen sei, sei im heutigen Verständnis vom Judentum die Opferrolle vorherrschend. „Juden sind die ewigen Opfer. Und wer sich auf die Seite des jüdischen Staates stellt, steht auf der Seite von Opfern, die per definitionem niemals Unrecht tun können. Judentum heißt plötzlich: Immer Recht haben – egal was man macht. Das ist das Gegenteil der jüdischen Tradition, wie ich sie kenne.“, sagte Rolf Verleger.

 

Rolf Verleger bekundete des Weiteren seine Befürwortung der Nahost-Politik Obamas. Er hoffe, dass Obama den Worten auch Taten folgen lassen werde. Die deutsche Politik solle ihn hierbei offensiv unterstützen.  

 

Prof. Dr. Verleger hatte sich 2006 in einem Offenen Brief gegen den israelischen Libanon-Krieg ausgesprochen und Anfang dieses Jahres den israelischen Angriff auf Gaza scharf kritisiert. Er ist Mitglied der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ und Autor des Buches „Israels Irrweg“. (fy)


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