Freitag 04. November 2011

Gemeinschaft, Uniday
UNIDAY’11: „Unsere Visionen schöpfen aus der Vergangenheit“

„Unsere Visionen schöpfen aus der Vergangenheit“ lautete das Motto des UNIDAY ’11. Veranstaltet wurde er von der Studentenabteilung der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) in der Stadthalle Bielefeld am 22. Oktober. Das Motto mag auf den ersten Blick widersprüchlich klingen, doch nimmt es eine wegweisende Rolle ein.

Mesut Gülbahar, Vorsitzender der IGMG-Jugend, äußerte sich vor dem UNIDAY ’11 zu diesem Motto: „Traditionen sind wegweisend für uns. Das gilt zum Beispiel für die Wissenschaftstradition der Muslime oder die lange Geschichte der islamischen Kunst.“ Gülbaharbetonte, dass darüber nachgedacht werden müsse, wie dieser kulturelle Reichtum in dieser hiesigen Kultur einen Beitrag darstellen werde.

 

Gleichzeitig fragte er: „Wie können sich muslimische Jugendliche in die Gesellschaft einbringen? Wie können sie – ausgehend von muslimischen Vorbildern unserer Geschichte – Vorbilder und Vorreiter in Wissenschaft, Kunst und Kultur in Europa werden, Vergangenheit und Gegenwart, Theorie und Praxis vereinen?“


 

Mit dem diesjährigen und damit dritten UNIDAY zielte die IGMG-Studentenabteilung darauf ab, eine authentische Denkweise für junge Akademikerinnen und Akademiker muslimischen Glaubens anzubieten und sie zu unterstützen.

 

Am UNIDAY wurden drei Ehrengäste empfangen. Dr. Yusuf Kaplan nahm als Beobachter teil. Er schreibt über das „islamisch Denken und Leben“ sowie „islamische Identität“. Kaplan ist zudem einer der muslimischen Kenner der Medien.

 

Der erste der zwei Redner war der Tasawwuf-Experte Prof. Dr. Mahmut Erol Kılıç, der zum Thema Muhyiddin Arabi, einen der bedeutendsten Persönlichkeiten des Sufismus sprach. Der zweite Redner war Prof. Dr. Salim al Hassani, bekannt für seine Studien, die erkenntlich machen sollen, welchen Beitrag Muslime für Wissenschaft und Kunst geleistet haben. Zwei weitere Ehrengäste waren der Präsident des Amtes für Auslandstürken, Kemal Yurtnaç sowie der türkische Generalkonsul in Münster, Nafi Cemal Tosyalı. Das Programm begann mit einer Koranrezitation von Fatih Çiçek und wurde moderiert von Serdar Tuncer.

 

Das künstlerisch interessierte Auge wurde verwöhnt durch eine Ausstellung von Kalligraphien, der „Hilye-i Şerif”. Diese beschreiben und rühmen den Propheten Muhammad (saw). Während die Ausstellung auf großes Interesse stieß, setzte sie ein Zeichen für die Bedeutsamkeit der islamischen Künste. Informationsstände waren weitere Anlaufstellen für Neugierige, angeboten von verschiedenen Abteilungen der IGMG wie der Irschadabteilung, der Rechtsabteilung, der Studentenabteilung und der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Als letzten Programmpunkt präsentierten Göksel Baktagir und seine Musikgruppe ihre neuesten Stücke. Mit ihrem Album „Doğu Rüzgarı“ (Ostwind) boten sie besonders islamisch-mystische und türkische Kunst dar.

 

 

 

Nach der Koranrezitation rief der stellvertretende Leiter der Studierendenabteilung, Taner Doğan, alle Regionen einzeln mit ihrer Besucherzahl auf. Der Vorsitzende der IGMG-Studierendenabteilung, Celal Tüter, sprach über den Beitrag der islamischen Kultur für die Europäische: „Die griechische, römische sowie die islamische Kultur leisteten entscheidende Beiträge für die europäische Zivilisation. Als eine neuartige Entwicklung in der islamischen Kultur nahm Andalusien Einfluss in sozialer, kultureller sowie politischer Hinsicht. Die Bedeutsamkeit von Andalusien liegt auf der Hand, genauso dürfen die Beiträge der sizilianischen Muslime nicht vergessen werden. In jener Zeit wurden die Ziffern so notiert, wie wir sie heute verwenden. An den Universitäten dieser Zeit, dieser Region wurden Werke aus dem Griechischen in das Arabische übersetzt. In Folge dessen wurde dieses Wissen in Europa verbreitet. Sie werden einsehen, dass nicht ohne Grund die Aufklärung in Italien ihren Ursprung hat. Des Weiteren können wir die sozialen und kulturellen Errungenschaften auf dem Balkan nicht vergessen. Die lebendigen Erben dieser historischen Entwicklungen können wir noch heute in Sarajevo, in Mostar sehen.

 

Heute blicken wir erneut auf uns selbst. Viele der Einwanderer aus den sechziger Jahren haben sich entweder assimiliert oder lebten unter sich. Sie versammelten sich mit Menschen, die ähnlich dachten und bauten Gebetsstätten auf. Denn sie befürchteten, dass wir verloren gehen würden. Doch was verursachte diese Befürchtung? Sie kannten ihre Umgebung nicht und waren fremd. Und sie hatten Werte, die sie bewahren wollten. Was machen wir dann? Wir verfallen nicht diesen Befürchtungen, sondern sagen: ‚Wir sind auch hier!‘ Wir möchten betonen, dass wir hier leben und eine Bereicherung darstellen wollen. Da wir unserer Vergangenheit gegenüber treu sind und auf sie vertrauen, bleibt unsere Verbindung zu ihr erhalten.

 

In dieser Räumlichkeit befinden sich Studierende 260 verschiedener Studiengänge. Wie bei der Metapher des Dschalaladdin Rumi, der ‚Zirkelmetapher‘, stellt unsere Vergangenheit unseren Ankerpunkt dar, wobei die bewegliche Spitze das heutige Europa ist. Als Menschen, die die Sprache, die Kultur und die Gesellschaft Europas kennen, ist eure Verantwortung groß. Um diese Verantwortung tragen zu können, ist von entscheidender Bedeutung, dass unsere Vergangenheit uns den Weg weist.

 

 

Der Generalsekretär der IGMG, Oğuz Üçüncü, hieß die Studierenden herzlich willkommen und analysierte einige internationale Ereignisse. Üçüncü sagte: „Wir werden Zeugen von historischen Ereignissen. Diese Ehre wird nicht jeder Generation zuteil. Es geschehen Dinge, von denen wir noch vor Monaten behauptet hätten, dass sie unmöglich seien. Während Wirtschaftsmächte unter hohen Staatsschulden leiden, werden arabische Despoten, die bis gestern als Freunde und anerkannte Staatschefs galten, umgestürzt. In atemloser Spannung beobachten wir, was ein junger Akademiker namens Muhammad Buazizi ausgelöst hat. Despoten sollen in Erwägung gezogen haben, Facebook, Al Jazira und sogar die Freitagsgebete zu verbieten. Wir sind uns der Wirksamkeit von ‚social media‘ bewusst. Doch die Funktion des Freitagsgebets, das wir oft als Ritual oder als eine Aufgabe erachten, besteht darin, die Kraft der Gemeinschaft, das Bewusstsein der Gemeinschaft zu entfalten. Welchen Zusammenhang gibt es wohl zwischen dem Motto ‚Unsere Visionen schöpfen aus der Vergangenheit‘ und dieser Einleitung? Sie werden sehen, dass alles, was ich Ihnen erzählt habe, mit diesem Slogan verbunden ist. Wir waren Zeugen, als der Eiserne Vorhang Stück für Stück zusammenfiel. Man möge sich nur an die bipolare Struktur der Zeit davor erinnern. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes gab es jedoch nur noch einen Pol. Der Kapitalismus versprach den Menschen ein schöneres Leben: Nun sollten die Kriege enden und jeder von der Güterverteilung profitieren können und somit glücklich werden. Auch wenn wir in dieser Zeit ausdrücklich darauf hingewiesen hatten, dass dieses Ziel nicht mit einem dem Kolonialismus entsprechenden System und mit dem Zinsgeschäft erreicht werden kann, so hat uns doch niemand zugehört. So blieben wir außen-vor, haben nur zugesehen und wurden somit Zeugen. Wir hatten ihnen gesagt, dass das Glück der gesamten Menschheit nicht durch Kriege, Besatzungen und  Ungerechtigkeit erreicht werden kann. Jedoch hat uns niemand zugehört, als wir dies alles sagten. Hätten sie doch bloß gehört.


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