In einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ kritisierte das jahrelange Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden und ehemaliger Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Lübeck, Prof. Dr. Rolf Verleger, die Haltung Deutschlands im Gazakonflikt. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel mache es sich ein bisschen einfach, wenn sie sagt, „Israel hat immer Recht“.
Verleger könne zwar verstehen, wenn deutsche Politiker den jüdischen Staat nicht öffentlich kritisieren wollen. „Aber dann kann man doch wenigstens ruhig sein!“, forderte er. Auch habe er das Gefühl, dass die deutschen Politiker es gern sehen, „dass die anderen und die Juden so auch nicht besser sind.“ Das trage zur Entlastung Deutschlands bei.
Die Reaktion des Zentralrats der Juden bezeichnete Verleger als „kurzsichtig und verkehrt“. „Das Judentum hieß mal die Religion der tätigen Nächstenliebe, ja? Das glaubt mir doch kein Mensch mehr, wenn ich das heute sage. Heute ist das Judentum eine Religion, die Landnahme und die Unterdrückung der Araber rechtfertigt. Das kann doch nicht wahr sein! Das muss doch der Zentralrat der Juden in Deutschland als Problem sehen“, sagte Verleger.
„Wir sind nicht mehr die Opfer“
Verleger betonte, dass die Tatsache, dass „wir europäischen Juden Opfer eines großen Unrechts wurden“, dem jüdischen Staat vor Gott und den Menschen nicht das Recht gibt, nun anderen Unrecht zu tun. „Wir sind nicht mehr die Opfer“, so Verleger. Israel müsse die Besatzung aufgeben. Der Friedensplan für den Nahen Ost liege bereits auf dem Tisch: „Die besteht in der Zwei-Staaten-Lösung auf den Grenzen von 1967, in einer einvernehmlichen Regelung des Problems der palästinensischen Flüchtlinge, in einer einvernehmlichen Regelung über Jerusalem. Das ist alles längst klar. Das haben die arabischen Staaten Israel 2002 vorgeschlagen und noch mal bekräftigt“. Israel sei damit aber nicht einverstanden und besetzte palästinensisches Land im Westjordanland. Er forderte die internationale Politik auf, Israel seine Grenzen zu zeigen.
Verleger verglich die Blockade Gazas zudem mit der Blockade Sarajewos in den 90er-Jahren durch die jugoslawische Armee. „Die das damals gemacht haben, sind in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt worden“, so Verleger. (sa)
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