In Italien wollen die Proteste gegen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht enden. Der Gerichtshof hatte entschieden, dass ein Kruzifix im Klassenzimmer einer Staatsschule die Religionsfreiheit der Schüler verletze. Es sei zudem nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar.
Straßburger Richter erklärten, die Kruzifixe seien eindeutig ein religiöses Symbol. Dies könne für Kinder, die einer anderen oder gar keiner Religion angehörten, verstörend wirken. Das Recht, an keine Religion zu glauben, gehöre zur Religionsfreiheit. Auch das müsse der Staat schützen.
Heftig kritisierte daraufhin der Kardinalsstaatssekretär, Tarcisio Bertone, das Straßburger Urteil: „Dieses Europa des dritten Jahrtausends nimmt uns die wertvollsten Symbole weg und lässt uns nur noch die Kürbisse des Halloween-Festes.“ Man müsse am "gesunden Menschenverstand Europas zweifeln", meinte darüberhinaus Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu dem Urteil. Die renommierte katholische Zeitung "Avvenire" warf ferner den Richtern vor, mit ihrem Aussprüchen Feindseligkeit gegenüber dem Kreuz offenbart zu haben.
Auch die italienische Bildungsministerin Mariastella Gelmini nannte das Kreuz einen festen Bestandteil der italienischen Kultur: Seine Präsenz in den Schulen zu verteidigen, heiße, „unsere Tradition zu verteidigen“. Zugleich verwies die Ministerin auf die Sonderstellung, die die Verfassung dem Katholizismus einräume. Italiens Regierung legt nun gegen das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte eine Berufung ein. Wenn diese nicht durchkommt, müssen die Kruzifixe abgenommen werden.
Zu diesem Urteil hatte die Klage einer finnisch-italienischen, atheistisch eingestellten Familie geführt. Die Eltern hatten dagegen geklagt, dass ihre beiden Söhne in Klassenzimmern lernen sollten, in denen Kruzifixe hingen. „Gleich drei Kreuze“ hätten im Klassenzimmer eines Sohnes gehangen, „man habe sich beobachtet gefühlt“. Nachdem die Eltern bislang erfolglos durch alle Instanzen in Italien geklagt hatten, trugen sie ihr Anliegen dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor. Dieser entschied nun gegen die Kruzifixe in den Klassenzimmern. (ab)



